David

Hätte man auf einer Farbpalette nach dem Rot auf van Knauers sonst blassen Wangen gesucht, wäre man unweigerlich bei einem satten Burgunderton gelandet.
Davids Chef stand vor seinem Stuhl und hatte die Fäuste auf der Schreibtischplatte abgestützt. Seine streng zurückgekämmten Haarsträhnen zitterten bei jedem Schrei, den sein vor Zorn verzerrter Mund in den Raum schleuderte.
»Dieses weiße Scheiß-Leder war Bestandteil einer Sonderedition, die es nie wieder geben wird!«
Mit einem wuchtigen Schlag auf die Tischplatte ließ er David und Tina zusammenzucken. In ihren Augenwinkeln glitzerten Tränen. Selbst dem gespielt entrüstet dreinschauenden Assistenten von Knauer – Jonas Nicolas – fiel für den Bruchteil einer Sekunde die Mimik aus dem Gesicht. Gläser klirrten leise in einer der Vitrinen, die vor einer mit dunklem Holz vertäfelten Wand standen. »Keine Sattlerei dieser Welt kann diese Farbe und Machart ersetzen.«
»Es tut«, setzte David zum gefühlt einhundertsten Mal an, doch wie schon zuvor blieb sein Satz unvollständig.
»Dass es dir leidtut, geht mir am Arsch vorbei, Meyer! Kannst du dir auch nur im Ansatz vorstellen, was dieser Schaden kosten wird?«
Das konnte er nicht. Was er aber wusste, war, dass es eine Summe sein würde, die er im Leben nicht zustande bekommen könnte.
»Und dann noch der Fototermin auf der Messe! Geplatzt! Für’n Arsch!«
David nickte niedergeschlagen. Er schaffte es nicht, seinem Vorgesetzten in die Augen zu sehen. Seine Lippen zitterten. Sein rechter Fuß tappte nervös auf und ab. Sag es endlich!, flehte er innerlich. Feuere mich! Mach Schluss mit dem Elend. Ich will einfach nur weg.
Sein Blick huschte flüchtig hinüber zu Tina. Als sie das bemerkte, wandte sie den Kopf von ihm ab. In seinem Herzen stach es schmerzhaft und eine eisige Kälte durchzog seinen Körper. Am liebsten hätte er ihre Hand gegriffen, die reglos auf der Stuhllehne lag – aber er traute sich nicht.
»Die werden sich im Stadtteilmagazin die Fresse über mich zerreißen. Kannst du dir das vorstellen? Ich – Mitorganisator – der sein Auto für die Medienkampagne zur Verfügung stellen wollte, cancelt das Shooting nur wenige Stunden vor Beginn. Alles umsonst. Alle für nichts und Wiedernichts angereist.«
David nickte. Die Bewegung fühlte sich hohl an. Als wäre er kein Bestandteil seines Körpers mehr.
Sag es endlich!


»Erst die Geschichte mit dem Gäste-WC. Dann das Thema mit dem Sicherungsschrank. Das kaputte Dach im Gästehaus. Nicht zu vergessen die ganzen Termine, die du verpennt oder verbummelt hast.«
Van Knauer schüttelte den Kopf. »Ich kann nichts anderes mehr machen, als dich zu feuern.«
Sein Assistent nickte bestätigend. Tina quiekte schmerzerfüllt und schlug sich die Hände vor den Mund. David hingegen war wie tot. Innerlich leer. Seiner, ihrer Zukunft beraubt. Seine Schultern hingen tief und er war sich sicher, dass seine Körpersprache von purem Elend zeugte.
»Und ich glaube, dass das längst überfällig war.«
»Kann«, begann er mit brüchiger Stimme. »Ich etwas tun, um …«
»Um mich umzustimmen?«
Van Knauer stieß ein frustriertes Lachen aus und schlug abermals auf den Tisch, woraufhin er sofort wieder verstummte. »Willst du mich verarschen? Was, in Gottes Namen, glaubst du, kannst du noch liefern?«
Jonas Nicolas – hager, aalglatt, mit perfekt frisierten Haaren und dem Dauergrinsen eines Typen, der sich für cleverer hält als alle anderen – legte den Kopf quer, als könnte er die kommende Antwort kaum erwarten. David hasste ihn dafür. »Ich würde umsonst Überstunden machen. Auf unbestimmte Zeit. Bis tief in die Nacht, das verspreche ich!«
Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch, der Inhalt seiner Worte nur ein heißer Tropfen. Auf der Stirn von Van Knauer pulsierte eine Ader.
»Noch mehr Arbeitszeit? Bei der du noch mehr verbocken kannst?«
David traute sich nicht zu nicken. Und doch war es das, was er seinem noch Chef anbieten konnte. »Das und … Noch viel mehr. Ich werde für den Schaden aufkommen.«
Wieder lachte der Millionär. »Und wie zum Geier willst du das tun? Willst du mir etwas von deinem Minusgeld überweisen? Mich mit dem abspeisen, was Tina mit ihren Kuchen verdient?«
David, der zwischen Kränkung und Mutlosigkeit schwankte, schaffte es endlich, seinem Chef in die Augen zu sehen. »Ich werde einen Nebenjob annehmen und …«
»Vergiss es!«, blaffte van Knauer ihn an. »Diese Chance bekommst du nicht von mir. Nicht schon wieder!«
Jonas Nicolas nickte zufrieden, als wäre er der zustimmende Papagei auf den Schultern eines Seeräuberkapitäns. Hitze kletterte in Davids Augen. Das wäre es jetzt, dachte er bemüht darum, die Kontrolle über seine Emotionen zu behalten. Fang nicht an zu heulen!
»Du kannst alles von mir haben«, krächzte er schließlich. »Meine Zeit, mein Versprechen, es besser zu machen. Alles, was ich auf der hohen Kante habe.«
Ganze zweihundert Euro …


Van Knauer lachte ein freudloses Lachen. In seinem Blick lag beinahe etwas Mitleidiges. Er schüttelte langsam den Kopf und leckte sich über die Lippen. »Es gibt nichts, das du mir geben kannst. Wirklich nichts.«
Er warf Tina einen traurigen Blick zu. »Das Einzige, das du noch besitzt – zumindest aus einer bestimmten Perspektive – ist deine Frau. Eine Frau, die es aus Gründen, die mir nicht in den Kopf gehen, mit dir Nichtsnutz aushält.«
David schluchzte bei diesen Worten. Er suchte den Blick von Tina, doch diese sah ihn nicht an, das Gesicht von Kummer zerfressen. »Und diese kann ich dir nicht nehmen.«
»B-bitte«, stammelte er. »Ich kann diesen Job nicht verlieren. Die Wohnung, das Geld, wir brauchen das und ich weiß nicht, wie ich alles ohne das hier stemmen soll.«
»Darüber hättest du dir in den letzten Wochen deine Gedanken machen sollen. Jetzt ist es zu spät.«
»Ich weiß. Ich habe es vermasselt. Aber ich will besser werden. Ich kann dir zeigen, dass ich dein Vertrauen wert bin.«
»Pah!«, entgegnete van Knauer. »Dir vertraue ich seit geraumer Zeit nicht mehr.«
David wollte etwas erwidern, doch plötzlich mischte sich Tinas piepsende Stimme in das Gespräch ein. »Mich gibt es auch noch. Ich kann hier ebenfalls eine Aufgabe übernehmen. Im Garten zum Beispiel. Oder im Hausputz. Unentgeltlich natürlich. Als Ausgleich für den Schaden, der entstanden ist.«
Der Millionär klatschte in die Hände und sah seinen Angestellten mit aufgerissenen Augen an. »Siehst du, wie weit deine Verfehlungen schon reichen? Schämst du dich nicht dafür, dass sich selbst Tina anbieten muss, um die Reichweite deiner Taten auszugleichen?«
Wieder schluchzte David. Er hatte recht. Er sollte sich schämen. Und obwohl dieses Gefühl wie heißes Fett in ihm brannte, so froh war er darüber, dass Tina versuchte, ihm beizustehen. Wenigstens hatten sie als paar offenbar eine Zukunft.


»Zusammen können wir unsere Schuld abarbeiten.«
Van Knauer seufzte und sah ihr direkt in die Augen. »Wann willst du dafür Zeit aufbringen?«, begann er. »Du studierst. Das nimmt einen großen Lebensabschnitt in Anspruch. Diese Idee ist nicht gut.«
»Dann breche ich das Studium ab!«
In ihrer Stimme lag pure Entschlossenheit. »Wir werden alles zurückzahlen, versprochen!«
Der Millionär schloss für einen Moment die Augen. »Es ist nicht so, dass es mir, wenn wir es genau betrachten, auf das Geld ankommt. Davon habe ich genug.«
Er ließ den Satz auf das Ehepaar wirken. »Vielmehr geht es mir um Vertrauen. Und um Wut. Bei Gott, ich bin so wütend auf deinen Mann, dass ich ihn am liebsten das Gesicht zertreten würde.«
David musste den Satz erst einmal verarbeiten. Aber im Grunde verstand er seinen Chef. Wer konnte ihm diese Wut übel nehmen?
»Zu viele Fehler. Zu viele Nerven. Und kein Biss. Gar keiner!«
Die Tatsache, dass van Knauer über David sprach, als wäre er nicht anwesend, machte alles nur noch unerträglicher. Zieh es durch! Wirf mich raus! Ich will nicht mehr!
»Am liebsten würde ich ihm eine Lektion erteilen, die er nie wieder vergessen wird. Eine, die ihn demütigt, damit er den Ernst des Lebens versteht. Ich sollte ihm etwas antun, das er so schnell nicht wieder vergisst.«
Sein Blick huschte für den Bruchteil einer Sekunde zu David, dann wieder zu Tina. Er musterte sie genau. Plötzlich fing er bellend an zu lachen.
»Ich sollte dir deine Frau nehmen«, brüllte er amüsiert und feixte zu seinem scheidenden Angestellten hinüber. »Zumindest für ein oder zwei Stunden. Wenn du verstehst, was ich meine!«
Er lachte weiter. Jonas Nicolas stimmte treudoof mit ein. Wie David die beiden in diesem Moment verachtete.
»Verzeih mir den Spruch, meine Liebe, aber diese Situation hier ist so irrwitzig, dass ich keine andere Wahl habe, als Unsinn zu reden.«
Er sah Tina freundlich an. Diese erwiderte die Geste ohne Ausdruck.
Der Assistent trat an Knauer heran, der augenblicklich verstummte. Er flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Millionär warf ihm daraufhin einen fragenden Blick zu und warf die Stirn in Falten. Dann dachte er nach. Setzte sich. Stützte die Ellenbogen auf den Tisch und legte seinen Kopf nachdenklich auf seine gefalteten Hände. Jonas Nicolas trat zurück. Egal, was er seinem Chef geflüstert hatte, es hatte Eindruck hinterlassen.
»Warum eigentlich nicht …«, grübelte er laut und sah das Paar im Wechsel an. Dann grinste er jäh. Es war ein Grinsen, das David nicht gefiel. Es hatte etwas Gieriges, Diabolisches. Plötzlich legte van Knauer seinen Blick auf ihn.
»Weißt du was?«, begann er langsam zu erzählen. »Vertrauen ist mir unglaublich wichtig. In mich selbst und mein Geschäft. Aber auch in meine Angestellten. Ohne Vertrauen geht nichts.«
Er schwieg und dachte nach. David hingegen fragte sich, auf was der Bonze hinauswollte.
»Wenn du und deine Frau wirklich daran interessiert seid, um eure Zukunft bei mir zu kämpfen, müsst ihr mir beweisen, dass es euch ernst ist.«
»Es ist mir ernst!«, preschte es aus David hervor. »Ich mache alles!«
Van Knauer lachte auf. Dann sah er ihn eindringlich an.
»Weißt du, Meyer … ich bin ein Mann, der an Leistung glaubt. Aber manchmal … muss man etwas anderes tun, um Respekt zu bekommen. Etwas Bleibendes.«
»Egal, was es ist, ich bin bereit!«
»Ist das wirklich so?«
»Ja!«
»Okay. Dann überlasse mir deine Frau.«
David drohte, hintenüber in ein tiefes Loch zu fallen. Hatte er das gerade wirklich gehört? Hatte der Millionär tatsächlich …
»Bitte, was?«, erkundigte er sich. Auch Tinas Körpersprache hatte sich verändert. Sie wirkte geschockt, ihre Atmung ging schnell, die nassen Augen aufgerissen.
»Du hast mich schon verstanden. Ich bekomme deine Frau. Für zwei Stunden. Zwei Stunden mit meinen Regeln.«
Davids Mund war plötzlich staubtrocken. »Ich … Ich verstehe nicht.«
Van Knauer grinste abermals. »Sex, David. Deine Frau und ich. Zwei Stunden Klartext.«
Die Tonart des Reichen war mit einem Mal ganz ruhig. Als würde er mit einem Kumpel ein belangloses Thema diskutieren.
»Das ist nicht dein Ernst!«, erklang Tinas Stimme, eine Oktave höher als gewöhnlich. »Was fällt …«
»Was mir einfällt?«, brauste van Knauer plötzlich auf. Er fuhr hoch und stützte sich wieder auf der Platte ab, die Ader auf seiner Stirn drohte zu platzen. »Mir fällt noch viel mehr ein, Fräulein! Was dich aber interessieren sollte, ist die Frage, was ihr bereit seid, für eure Zukunft zu investieren! Entweder wagt ihr den Neustart, so schwer der auch ist, oder ich gebe euch, beziehungsweise, deinem Mann eine letzte, allerletzte Chance. Aber diese hat einen Preis, meinen Preis!«


Das Ehepaar Meyer hatte die Sprache verloren. In Davids Kopf kreisten tausende Wörter, die er seinem Chef am liebsten ins Gesicht geworfen hätte. Wichser! Arschloch! Auf keinen Fall! Vergiss es! Unmensch! Hurensohn!
Jonas Nicolas’ Mundwinkel zuckten – als würde er gleich mit Popcorn applaudieren. Widerlich.
»Überlegt es euch. Zwei Stunden. Meine Regeln. Danach vergesse ich den heutigen Tag. Das Auto. Den geplatzten Termin. Und ich gebe dir eine letzte Chance. Ohne, dass ich je wieder über den Vorfall sprechen werde.«
»Das kann nicht dein Ernst sein«, wisperte David. Doch er wusste, dass van Knauer keine Späße machte. »Du kannst doch nicht … Tina … fordern.«
»Fordern kann ich es nicht, das stimmt. Daher nenne ich es Angebot. In Anbetracht dessen, was du geleistet hast, nehme ich mir das Recht dazu. Wenn ihr zustimmt, geschieht alles innerhalb dieser zwei Stunden einvernehmlich. Ihr, beziehungsweise du, Tina, könnt jederzeit abbrechen. Juckt mich nicht. Allerdings erlischt dann das Angebot.«
Davids Kopf drohte vor Wut zu explodieren. Tinas Finger krallten sich in die Stuhllehne – als müsste sie sich selbst festhalten, um nicht davonzurennen. Nie im Leben würden sie auf diesen Vorschlag eingehen. Als er bemerkte, wie van Knauers Blick gierig über Tinas Körper fuhr, wäre er beinahe aufgesprungen. Egal, wie schlecht es um ihre Zukunft bestellt war, eine solche Offerte war lachhaft und unmoralisch. Absolut undenkbar. Niemals würde sich seine Frau prostituieren lassen.
»Ich … mache es«, erklang ihre zarte, leicht bebende Stimme. Sein Blick flog zu ihr. Er sah sie fassungslos an und war sich sicher, dass er sich verhört hatte. Van Knauers Augen hellten auf und von Jonas Nicolas kam ein leises Glucksen.
»Siehst du, Meyer?«, feixte sein Chef. »Sie ist bereit, sich für eure Zukunft herzugeben. So sieht Mumm aus, Junge!«
David konnte den Blick nicht von seiner Frau lassen, die mit bebenden Lippen und zornfunkelnden Augen den Millionär fixiert hatte.
»Tina«, hauchte er und wollte sie berühren, doch sie zog ihre Hand weg. Dann drehte sie ihren Kopf zu ihm und er verstand, dass ihr Zorn nicht dem Millionär, sondern ihm selbst galt.
»Ich mache das für uns. Für dich und mich. Ich bin scheiße wütend. Aber ich will für unsere Zukunft kämpfen.«
David war sprachlos. Versteinert. Wie ein kleiner Junge, der sich nicht traute, gegen den Wind zu pissen.
»Und vergesst nicht«, erklang van Knauers Stimme, die aus weiter Ferne zu kommen schien. »Es gelten meine Regeln. Und Abbruch bedeutet Abbruch. Von allem. Er stünde sinnbildlich für eure Zukunft.«
Stille. Nur Blicke, die zwischen dem Paar hin und her flogen und verschiedener kaum hätten sein können.
»Und eines noch, David«, drängte sich van Knauers Stimme wieder in sein Gehör. Er wandte sich seinem Chef zu und sah ihn aus wässrigen Augen an.
»Ich will, dass du dabei bist. Du wirst alles sehen. Und nichts tun.«

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Copyright © 2025 Kim F. Wolf


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