Tina

Tina und David standen vor der Eingangstür der Villa. Hand in Hand. Und zögerten. Verunsichert sah sie ihren Mann an, dessen Gesicht mit dem Dreitagebart müde und abgekämpft wirkte. Als er ihren Blick bemerkte, zwang er sich zu einem Lächeln, doch dieses erlosch rasch.
Die Sekunden verstrichen. Ein zarter Wind umwehte das Paar, das sich in einfache Kleidung geworfen hatte. David trug eine Jeans und ein tonloses Shirt. Tina eine ausgebeulte Jogginghose und einen schlichten Kapuzenpulli – ein stiller Protest. Nichts an ihr sollte begehrenswert wirken. Kein Glanz, keine Kurven, keine Einladung. Bewusst abturnend. Unsexy. Sie wollte dem Reichen sein Tun so unattraktiv wie möglich gestalten. Vielleicht würde er sich sogar vor ihr ekeln – mit etwas Glück würde er dann von selbst den Abbruch fordern …
»Wollen wir es …«, hauchte sie. David nickte verhalten und seufzte schwer. »Wagen?«
Als sie gerade die Klingel betätigen wollte, hielt er sie mit einem sanften Griff um ihr Handgelenk zurück.
»Du musst das nicht machen«, sagte er in einem Ton, der Flehen und Hoffnung zugleich war. »Egal, was passiert, wenn wir einfach abhauen. Wir stehen das durch.«
Tina schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. Dann schüttelte sie langsam den Kopf. Sie hatte ihren Entschluss gefasst. »Wenn es mir zu viel wird, breche ich ab. Versprochen.«
Das war offenbar nicht das, was ihr Mann hören wollte. Er sah sie gequält an. Tina betätigte die Klingel.
In der Tiefe der Villa läutete es in melodischen Tönen. Einige Sekunden lang passierte nichts. Dann erklangen ferne Schritte, die hektisch näherkamen. Schließlich wurde die Tür geöffnet und Frau Sattler, die Haushälterin, trat heraus.
»Hallo Tina, David. Kommt rein.«
»Hey Sabine.«


Das Paar begrüßte die Hausdame mit freundschaftlichen Umarmungen. Die erfahrene Dame, die bereits seit gut dreißig Jahren in der Villa arbeitete und somit zum Inventar gehörte, schenkte ihnen ein gutmütterliches Lächeln. Sie traten ein.
»Wir wollen zu van Knauer«, erklärte David mit bemüht gleichgültiger Stimme. An der traurigen Miene der Angestellten erkannte Tina, dass diese zu wissen schien, worum es sich bei ihrem Besuch handelte. Als Frau Sattler ihr sanft und aufmunternd über die Wange strich, wurde aus der Vermutung eine Gewissheit. »Folgt mir bitte.«
Tina, die nicht oft in der Villa gewesen war, überließ der Bediensteten die Führung. David, der mit Sicherheit große Teile des Hauses kannte, schlurfte antriebslos neben ihr her. Keiner sagte ein Wort. Selbst die offenherzige und geschwätzige Sabine schwieg. Mit einem Mal legte sich eine seltsame Stimmung über das Dreiergespann. Tinas Herz beschleunigte.


Sie passierten kostspielige Kunstgegenstände wie Bilder, Skulpturen und Büsten irgendwelcher Männer, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die vertäfelten Wände verströmten einen holzigen Duft, der Tina ein wenig an alte Vereinshäuser erinnerte. Über ihren Köpfen drang gedämpfte, ruhige Musik aus in regelmäßigen Abständen angebrachten Lautsprechern.
Das Schweigen nagte an Tina. Als sie schließlich über eine breite Holztreppe mit geschnitzten Handläufen in das erste Stockwerk gewechselt waren, platzte es geradlinig aus ihr heraus. »Wie oft hat er das schon gemacht?«
Sabine hielt inne. Trotz des sparsamen Kontexts der Frage wurde ihr Blick weich – nicht überrascht, sondern resigniert. Als wüsste sie längst, was kommen würde. Als hätte sie es schon zu oft gesehen.
»Das eine oder andere Mal«, flüsterte sie. »Ich weiß es nicht mehr.«
Wieder trat eine Stille ein. Und diese Stille lud zum Nachdenken ein. Ob Sabine auch schon einmal diese Art der disziplinarischen Strafe ertragen musste? Ob das eine gezielte Taktik von van Knauer war, um Personal zu kontrollieren?


Die Angestellte sah sie an. Pures Mitleid stand in ihren Augen. Und dieses Mitleid machte es Tina nur noch schwerer, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Sie fühlte sich, als würde sie nackt im Schaufenster sitzen. Als würde jeder über das, was sie sogleich machen musste, Bescheid wissen.
Als Sabine vor einer opulenten, raumhohen Holztür stehen blieb, seufzte die alte Dame und umarmte sie. »Du schaffst das«, hauchte sie in ihr Ohr. Dann wandte sie sich zum Gehen, ohne noch einmal zurückzublicken.
Das Ehepaar blieb allein zurück. Starrte auf die Tür. Horchte ins Innere des Raumes dahinter. Hielt sich fest. Dann klopfte Tina zögerlich.
Ihr Herz raste. Hitze ließ ihr Gesicht brennen. Davids Hand verkrampfte sich in ihrer.
»Die Tür ist offen«, rief van Knauer. Seine Stimme klang heiter und gut gelaunt. David drückte die Klinke herunter und ging vor. Seine Frau folgte ihm.
Sie betraten ein Schlafzimmer, dessen Dimension die ihrer gesamten Wohnung übertraf. Deckenhohe Fenster, umgeben von tiefroten Vorhängen, ließen das schwindende Licht des Tages hinein. Ein hochfloriger Teppich versprühte Wärme und Eleganz. Es roch nach irgendeinem Räucherstäbchen. Auch in diesem Zimmer spielte eine sanfte Musik. Doch der Höhepunkt des Raumes war das Bett, das mittig vor einem der Fenster stand und mindestens vier Meter breit war. Und die Männer, die darauf saßen. Tina stockte der Atem, als sie nicht nur van Knauer, sondern auch seinen Assistenten Jonas Nicolas entdeckte, beide in seidige, schwarze Bademäntel gehüllt.
»Willkommen«, verkündete der Millionär und lächelte breit. »Ich freue mich, dass ihr bereit seid, mein Angebot anzunehmen.«
»Was macht der hier?«, platzte es forsch aus David heraus, dessen Kopf einen tiefen Rotton angenommen hatte. Sein Chef lachte schallend.
»Jonas wird mit mir deine Frau ficken«, gab van Knauer bittersüß zurück. Der Assistent lächelte glückselig.
»Das war so nicht abgemacht!«, rief David. Seine Hand drückte die seiner Frau fester. Tina fehlten die Worte. Eine Eiseskälte floss langsam durch ihren Körper und ließ sie versteinern.
»Es war gar nichts abgemacht. Außer, dass hier meine Regeln gelten. Erinnerst du dich?«
David knurrte wütend, die Augen fest auf seinen Chef gerichtet.
»Und ich lege fest, dass das hier ein schöner Dreier wird. Irgendwelche Einwände?«
Tina spürte einen kräftigen Zug an ihrer Hand. Ihr Mann hatte auf dem Absatz kehrtgemacht und zog sie in Richtung Schlafzimmertür. Nach den ersten Metern schallte die Stimme des Bonzen mit Wucht hinter ihnen her. »Wenn ihr durch diese Tür geht, ist eure Zukunft besiegelt!«
Seine Worte waren hart wie Hammerschläge und verfehlten zumindest bei Tina ihre Wirkung nicht.
Sie blieb abrupt stehen. David sah sie fassungslos an. »Nun komm!«
»Nein«, wisperte sie und kaute auf ihrer Unterlippe.
»Was?!«
Sie schwieg.


»Das kannst du doch nicht wirklich tun wollen!«
Etwas in ihr setzte aus. »Wollen?!«, keifte sie. »Wollen?! Nein! Ich will das hier nicht, David! Ganz und gar nicht. Aber ich will auch nicht schon wieder von vorne anfangen und ein neues Leben aufbauen! Ich ziehe das durch. Und danach siehst du zu, dass du deines auf die Reihe bekommst, damit ich so einen Scheiß nie wieder machen muss!«
Aus dem Gesicht ihres Mannes war jegliche Farbe gewichen. Er starrte sie fassungslos an. Dann wandte sie sich zu den Typen um. Diese musterten sie neugierig. Sie machten keinen Hehl um ihre Gier, die dick aus ihren Augen suppte.
»Wenigstens deine Frau hat Eier, Meyer.«
Jonas Nicolas nickte zustimmend.
Scheiß Speichellecker.
Der Millionär zwinkerte ihr zu. »Schade nur, dass du dich nicht mehr in Schale werfen konntest …«
Tina ekelte sich vor diesen Worten. In ihrem Inneren rumorte es – aber sie beglückwünschte sich für die Kleiderwahl – ein stummer Protest gegen einen Mann, der in der Regel bekam, was er wollte.
»Lange werden wir das nicht ertragen müssen«, witzelte Jonas. Van Knauer lachte.
»Da hast du recht. Wir ziehen sie schnell aus.«
Eine kurze Stille entstand, die lauter war als alles, was Tina je in ihrem Leben gehört hatte. Ihr Blut rauschte, ihr Herz trommelte. Sie spürte den Zorn, der durch Davids Hand an ihren Körper übertragen wurde.
»Wollen wir also anfangen?«
Ihr Gastgeber breitete einladend die Arme aus. Das Ehepaar rührte sich nicht.
»David, den Stuhl bitte«, dirigierte van Knauer und deutete auf ein Möbelstück, das an einer Wand stand. Hole ihn.
Sein Angestellter rührte sich nicht. Doch dann gab Tina ihn mit einem Druck ihrer Hand das Zeichen, dass er gehorchen musste. Steifen Schrittes setzte er sich in Bewegung, packte den Stuhl und wandte sich seinem Arbeitgeber zu. »Wohin?«
Seine Stimme zitterte. Wie die eines Mannes, der auf dem Weg zum Scharfrichter war, bereit das Wichtigste herzugeben, das ihm möglich war.
Van Knauer deutete etwa einen Meter vor sich und das Bett. David gehorchte, schleppte das Sitzmöbel durch den Raum und platzierte es an gewünschter Stelle.


»Setz dich.«
Er setzte sich in einer Langsamkeit, die Seinesgleichen suchte, als hoffte er, dass sich in der Zwischenzeit etwas ergeben würde, das diese Situation zu einem guten Ende bringen konnte. Aber dieses Ende blieb aus.
»Tina, leg ihm diese Schellen an!«
Aus seiner Bademanteltasche zog er zwei silbrig glänzende Handfesseln hervor und hielt sie vor sich hin. Tina zögerte zunächst, doch dann trat sie vor. Jeder Schritt, den sie auf den Bonzen zutrat, war unglaublich schwer. Sein Blick, arrogant und siegessicher, lähmte ihre Handlungen. Als sie schließlich direkt vor ihm stand und sein herbes Parfüm riechen konnte, wurde ihr Magen flau.
»Na los, nimm sie schon«, forderte van Knauer und ließ die Handschellen klimpern. »Die zwei Stunden laufen erst, wenn dein Mann gefesselt ist.«
Von diesen Worten angestachelt tat Tina, was ihr befohlen wurde. Sie nahm die Schellen entgegen, die unangenehm warm waren. Sie ekelte sich, als sie dabei einen seiner Finger streifte.
»Und nun, kette seine Hände an den Ösen fest.«
Sie drehte sich zum Stuhl und entdeckte an den hinteren Beinen, kurz unterhalb der Sitzfläche, zwei Punkte, an denen die Fesseln angebracht werden konnten. Dann sah sie in das Gesicht ihres Mannes, das elendiger kaum hätte aussehen können.
Wortlos nahm sie eine seiner Hände und ließ das warme Metall klickend um das Handgelenk einrasten. Anschließend tat sie das Gleiche mit der anderen. David ließ ergeben seine Arme sinken, bis sie seitlich an ihm herabhingen.
Als Tina sich bückte, um den Auftrag abzuschließen, spürte sie die Blicke, die die Männer ihrem Gesäß widmeten. Ihr Rücken kribbelte vor Unbehagen. Mit zwei Klicks ließ sie die Schellen in den Ösen einrasten.
David war gefesselt. Nicht durch Kraft – sondern durch Ohnmacht. Nicht so, dass er an Ort und Stelle gebunden war – dazu war der Stuhl zu leicht – aber so, dass ihm klar wurde, dass er jegliche Handelsgewalt hergegeben hatte. Seine Hände – sinnbildlich für die Kontrolle, die er ausüben konnte – waren aus dem Spiel. Jonas warf David einen Blick zu. Kein Spott, kein Triumph – bloß Neugier, als wolle er beobachten, wie lange er durchhielt, bevor er zerbrach.
Tina erhob sich, schenkte ihm einen letzten, aufrichtigen Blick und wandte sich den beiden Männern zu. Diese sahen sie gierig an. Jonas musterte sie von Kopf bis Fuß, als sei sie längst nackt. Dann streckte van Knauer seine Hand aus und griff die ihre. Ein Stromschlag zuckte von dort aus durch ihren Körper, wo er sie berührte. Sie erschauderte. Ihre Brust war plötzlich unglaublich eng.
»Komm zu uns«, flüsterte er und zog sie langsam zu sich. Ein Knarren hinter ihr verriet, dass David sich aufgestachelt bewegte. Aber es half nichts. Tina musste gehorchen. Augen zu und durch. Das war die einzige Devise, die geblieben war.


Als sie direkt vor dem Bett stand, sodass ihre Beine fast die der Männer berührten, spürte sie, wie van Knauer ihre Hand losließ und stattdessen an ihrer Taille entlangfuhr. Dann an der Hüfte. Jeder Zentimeter ließ sie erzittern. Er glitt tiefer. Seitlich an ihrem Po vorbei. Plötzlich griff er zu.
Tina quiekte erschrocken. Es bestand kein Zweifel daran, wer die Macht hatte. Auch Jonas Nicolas legte los und streichelte ihr Gesäß. Sie wusste, dass es nun beginnen würde. Wie zur Bestätigung schob van Knauer eine Hand zwischen ihre Beine und drückte gegen ihre Weiblichkeit. Ihre Welt zerbrach.

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