Tina

Tina duschte. Sie war allein. Lediglich das heiße Wasser leistete ihr Gesellschaft. Es roch nach Shampoo, ein Mix aus Früchten und weiblichen Noten. Sie verharrte bereits lange unter der Brause. Die Haut an ihren Händen war längst schrumpelig geworden. Und doch hatte sie es nicht geschafft, die Ereignisse dieses furchtbaren Tages von ihrer Seele zu waschen.
Sie stieß ein leises Schluchzen aus, das im Wasserrauschen unterging. Sie lehnte ihren Kopf gegen die vom Kalk eingenommene Glaswand.
Sex mit van Knauer, schoss es ihr immer wieder durchs Gehirn. Mit diesem reichen, narzisstischen Arschloch.
Sie ekelte sich vor diesen Worten. Dabei war der Chef ihres Mannes alles andere als hässlich. Ja, er war fast doppelt so alt wie sie, irgendetwas um die fünfzig. Aber ein wohlhabendes Leben und Sport hatten ihn und seine Form gut erhalten. Hätte dieser Mensch nicht diesen furchtbaren Charakter, hätte sie ihn sogar attraktiv finden können. Doch dieser Zug war abgefahren. Steckte irgendwo im Niemandsland fest. Der Gedanke an seinen Penis kam wie ein Reflex. Unerwünscht. Aufdringlich. Sie verbannte das Bild sofort – aber ein flüchtiger Schauder hatte ihren Bauch längst erreicht.


Sie schüttelte den Kopf und versuchte, sich auf das Wasser zu konzentrieren, die bösen Dinge hinter ihrer Stirn in eine stille Ecke zu verbannen. Aber es gelang ihr nicht. Worauf steht so ein Mensch beim Sex? Ist er grob? Dominant? Ruhig? Fühlt er sich wie ein Herrscher, der befiehlt – oder wie einer, der abwartet, was die Frau zu bieten hat? Was, wenn er mehr will als nur …?
Sie hörte ein lautes Klacken. Ein dumpfes Klopfen. Dann die Stimme ihres Mannes. »Tina?«
David klang leise und schwach. Scham schwappte aus jedem Ton. Ihre Miene verfinsterte sich. »Tina? Sag doch etwas!«
»Ich habe abgeschlossen, weil ich deine Stimme gerade nicht ertragen kann. Weil du mich hier reingeritten hast«, fauchte sie und übertönte das Rauschen deutlich. »Lass mich in Ruhe!«
Die Geräusche vor der Tür erstarben. Aber David würde sich nicht vom Fleck rühren, da war sie sich sicher. Er würde ausharren, um sie beim Verlassen des winzigen Bades mit allem zu bombardieren, was er in diesem Moment für angebracht hielt, um zu zeigen, wie sehr es ihm leidtat.
Tina liebte ihren Mann. Daran konnte auch das, was in der Garage und im Büro von van Knauer passiert war, nichts ändern. Und doch raste sie in jenem Moment vor Wut, wenn sie auch nur an ihn dachte. Dieser verdammte Tollpatsch! Sie ballte die Hände zu Fäusten. Sie ärgerte sich über seine sich häufenden Missgeschicke. Seine Terminschlamperei. Seine Fehler. Und doch hatte sie verstanden, dass auch sie einen Teil der Schuld an seinem Verhalten trug. Sie wusste genau um die Gefühlswelt ihres Gatten. Um seine anhaltende Erschöpfung, ausgelöst durch harte Arbeit, die er verrichtete, um ihr ein unter den gegebenen Umständen schönes Leben zu bereiten. Auch einen Teil der Kosten für ihr Studium trug er, ohne zu murren. Er riss sich für ihre kleine Familie den Arsch auf – und das ging an keinem Menschen spurlos vorbei. Ihr an seiner Stelle würde es dabei kaum anders ergehen.
Ihre Wut schwoll ein kleines bisschen ab. Doch ganz los wurde sie diese nicht. Und das war gut so. Sie brauchte ein Ventil, einen Ausgang, um ihren Zorn zu kanalisieren und steuerbar zu machen. Auch, wenn es womöglich unfair war, würde ihr eine Schuldzuweisung helfen, das, was ihr bevorstand, erträglicher zu gestalten.
Ein weiterer Gedanke mischte sich ein. Abbruch. Sollte van Knauer David halt kündigen. Es würde das Paar zwar schwer treffen und harte Monate bedeuten, doch irgendwann würden auch sie wieder auf die Füße kommen. Sie konnten von Sozialhilfe leben. Vielleicht wurde ihnen schnell eine Wohnung zugewiesen. Und dann: Neustart.
Aber so einfach, wie das klang, war es nicht. Davids massive Schulden würden diesen Start erschweren. Hätte er damals nicht aus Versehen dieses beschissene Haus abgefackelt! Doch die Vergangenheit stand. War in Stein gemeißelt. Schwebte wie ein Damoklesschwert über ihnen. Sie hatte David geheiratet – und somit auch all seine Probleme.


Er brauchte den Job bei van Knauer. Kaum ein Hausmeister Hamburgs war im Vergleich so gut bezahlt wie er. Mit seinem Gehalt konnte der Schuldenberg schneller getilgt werden, als mit einem Job außerhalb des Knauer-Geländes.
Ich werde für unsere Zukunft kämpfen!
Sie schwor sich, zu versuchen, ihre Wut nicht allzu sehr an ihrem Mann auszulassen. Er musste zwar nicht mit dem Millionär ins Bett – aber leiden würde er sicherlich auch. Nur etwas anders halt. Wieder schoss Ekel durch ihren Körper. Van Knauer. Ein Mann, der David demütigen wollte und ihn nicht nur dazu zwang, seine Frau herzugeben, sondern auch, ihm dabei zuzusehen.
Arschloch!
Für einen Sekundenbruchteil tauchte das Bild seines Gesichts auf, wie er im Büro gelacht hatte. Dieses ekelhafte, siegessichere Grinsen. Sie schlug mit der flachen Hand gegen die Duschwand. Es klatschte. Der Schmerz half, klar zu denken.
Sie stellte die Dusche ab. Nachdem der letzte Wasserschwall verebbt war, schob sie die quietschende Glastür auf und betrat den kleinen Teppich vor der Duschwanne.
Sie sah sich um. Fühlte sich plötzlich unbehaglich aufgrund der Enge des Badezimmers. Irgendwann kommen wir hier raus, dachte sie wehmütig. Irgendwann starten wir durch.
Sie trocknete sich ab und öffnete den kleinen Schrank, der über dem Waschbecken hing. Sie nahm ein Deo heraus. Im Anschluss fiel ihr Blick auf ihr Lieblingsparfüm. Wie automatisch griff sie nach dem Flakon – doch ihre Hand erstarrte in der Bewegung. Nein! Sie würde sich für den Bonzen nicht einsprühen. Nicht hübsch machen. Nicht schminken. Nicht sexy anziehen. Sie wollte ihm nicht den Gefallen tun, sich dem und das, was er von ihr forderte, im vollen Umfang hinzugeben. Er sollte mit ihr schlafen und fertig. Echte Zuneigung oder Interesse würde es nicht geben. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Er würde in jeder Sekunde spüren, dass sie ihn verachtete.
Als sie sich im Spiegel betrachtete, sah sie nicht aus wie jemand, der gleich benutzt werden würde. Sie sah aus wie Tina Meyer. Nicht wie eine Hure. Nicht wie ein Opfer. Wütend. Entschlossen. Und tief drinnen … unbesiegt. Und das war etwas, das kein van Knauer der Welt ihr nehmen konnte.
Kaum hatte sie das Schloss geöffnet, fiel ein Schatten auf sie – und dann spürte sie Davids Arme um ihren Körper. Warm. Flehend. Unendlich fehl am Platz. Er hatte tatsächlich auf sie gewartet. »Es tut mir so ungeheuer leid«, hauchte er ihr ins Ohr.
»Ich weiß«, flüsterte sie bemüht, ihre Fassung zu bewahren. »Mir auch.«

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