2.
Am nächsten Morgen saß Jonas vor seinem Computer. Für einen Sonntag drang durch das geöffnete Fenster ungewöhnlich viel Verkehrslärm herein, doch das störte ihn nicht. Er trug ein Gamingheadset und war in ein Gespräch seiner Stammgruppe vertieft, während er per Tastatur und Maus eine virtuelle Figur über seinen Bildschirm steuerte. Es roch dezent nach warmen Blattwerk und Staub. Der Sommer war auch an diesem Tag erwacht und schickte sich an, Hamburg ein weiteres Mal zu rösten.
Er nippte an einer Tasse. Der Kaffee schmeckte gut. Er war herb, ungezuckert und schwarz – wie er ihn liebte.
»Ich bin gleich drin«, murmelte er ins Mikrofon und steuerte seinen Charakter durch einen mittelalterlichen Torbogen. »Wo seid ihr?«
»Gleich da«, gab PoOommes zurück.
»Schon drin«, antwortete MagicBagic.
»Brauche noch fünf Minuten«, ergänzte Blurrpp als Letzter.
Aus den Hörmuscheln drang genervtes Stöhnen an Jonas Ohren.
»Blurrpp, du Lahmarsch!«, fluchte PoOommes, der im echten Leben Sahin hieß. »Wieso brauchst du immer so abfucking lange?«
»Meine Freundin war gerade da und wollte wissen, ob ich einkaufen gehe.«
»Schließ dein Zimmer ab«, lachte MagicBagic, alias David. Jonas grinste amüsiert. Die Neuerung, sich beim gemeinsamen Spielen nur noch mit den Gamertags anzusprechen, gefiel ihm sehr.
»Als ob ich sie aussperren würde«, grummelte Maik, der ansonsten Blurrpp genannt wurde.
»Warum denn nicht?«, wollte Sahin wissen.
Eine kurze Stille entstand.
»Muss ich das wirklich beantworten?«
Die Jungs lachten.
»Ich habe wenigstens eine Freundin.«
»Sie ist in Wirklichkeit bestimmt deine Schwester«, witzelte David. »Ich kann es nämlich bis heute immer noch nicht glauben, das ausgerechnet du eine Abbekommen hast …«
»Pech im Spiel, Glück in der Liebe.«
Das stimmt, dachte Jonas, der Maiks Gamerfähigkeiten nur zu gut kannte und wusste, dass sein Freund das schwächste Glied ihres Quartetts war. Wieder erklang vielstimmiges Gelächter.
»Da wir nun warten müssen, bis Mister Lover-Lover zu uns stößt«, begann David, »könnte uns Smash2727 die Zeit mit Anekdoten seiner Partynacht versüßen.«
»Oh ja!«, stimmte Sahin ein.
»Ich renne und höre gleichermaßen«, stimmte Maik zu und auch Sahin gab sein Interesse zum Ausdruck.
Jonas, alias Smash2727, hatte eigentlich gehofft, dass seine Jungs ihn nicht auf dieses Thema ansprechen würden. Er seufzte. Die Erlebnisse des letzten Anmachversuchs hatten eine tiefe Wunde in ihm gerissen, was er seltsam fand. Denn es war bei weitem nicht das erste Mal gewesen, dass ihn jemand als Nerd betitelt hatte. Ganz und gar nicht. Und trotzdem hatte Michelles Abfuhr ihn heftiger verletzt, als er es für möglich gehalten hatte.
Woran das wohl gelegen hatte? Diese Frage hatte seine Nacht beherrscht und war ihm bis in seine Träume gefolgt. Eine Antwort darauf hatte er nicht gefunden – dafür aber eine Menge Frust.
»Pennst du, Smash2727?«, hakte Blurrpp nach.
Jonas riss sich aus seinen Gedanken. »Nein, ich war nur abgelenkt.«
»Also? Partynacht? Girls?«
Er seufzte. Und dann erzählte er seinen Freunden von dem, was im Club passiert war.
»Fotze«, bewertete Sahin das Erlebte trocken.
»Sie ist es nicht wert«, tröstete David.
»Weiber sind scheiße«, fügte Maik hinzu.
»Du hast ne Freundin, Mann!«
»Sie ist da eine Ausnahme.«
Die Jungs lachten verhalten, nur Jonas schwieg. Er grübelte. Überlegte. Sann darüber nach, ob er, wie geplant, Donnerstag Abend wieder losziehen würde, um einen neuen Versuch zu starten. Oder ob er einfach zu Hause bleiben und sich für die Arbeit schonen würde – denn mit einem Erfolg, besser gesagt, mit Sex rechnete er nach der letzten Nacht schon gar nicht mehr. Auch davon berichtete er seinen Jungs, die, obwohl Maik inzwischen ingame zur Gruppe aufgeschlossen hatte, in mitfühlendes Schweigen verfallen waren.
»Das ist hart, Mann«, brachte es Sahin schließlich auf den Punkt. »Abgefuckt hart.«
»Hm«, antwortete Jonas, während er nachdenklich aus dem Fenster in die Wolken blickte. Plötzlich rastete ein Gedanke in seinem Kopf ein.
»Wisst ihr was?«, begann er schließlich mit Wut in der Stimme zu erzählen. »Dann bin ich eben ein Nerd. Na und? Ich stehe auf Games, auf Pokèmon, auf dämliche Hemdmotive und Fantasy. Macht mich das zu einem nicht liebenswerten Menschen? Bin ich dadurch weniger wert?«
Ihm entgegnete Schweigen. »Ganz im Gegenteil. Auch ich habe meine Qualitäten. Guckt euch Blurrpp an. Er hat eine Freundin. Und er ist genau so viel Nerd, wie ich es bin. Warum sollte ich es nicht schaffen, eine Partnerin zu finden?«
»Blurrpps Freundin ist selber eine Gamerin«, fügte Sahin hinzu. »Das zählt nicht.«
»Hey!« entgegnete Maik wütend. »Sag so was nicht! Freundin ist Freundin.«
Die Jungs lachten verhalten, selbst Jonas grinste. Dabei meinte er das, was er zuvor gesagt hatte, vollkommen ernst. Er war ein Nerd, das stimmte. Und er war gerne einer. Er mochte sein Leben, das er sich bewusst so ausgesucht und eingerichtet hatte. Er schätzte seine Gewohnheiten, seine Hobbys, seinen Tagesablauf. Wäre da nur nicht das Problem mit der körperlichen Nähe, die ihm kein Videospiel simulieren konnte. Bilder von Brüsten, Ärschen und Vaginas flogen vor seinem Kopf umher. Er spürte deutlich, wie seine Hormone kickten, wie sein zweites Gehirn das Denken übernahm. Verdammt, ich will ein Nerd sein. Aber ein Nerd, der Sex hat! Ein Nerd, wie Maik einer war.
Davids Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. »Smash2727, nimm meine Einladung an!«
Jonas starrte verwundert auf seinen Monitor. Tatsächlich hatte sich ein neues Chatfenster geöffnet. Eines mit einer privaten Gestaltung. Nur er und David befanden sich darin, er musste dem Gespräch nur zustimmen.
»Was soll das?«, fragte er und runzelte die Stirn.
»Nimm schon an«, drängte ihn David abermals. »Ich habe einen klasse Tipp für dich.«
»Und diesen dürfen wir nicht hören?«, beschwerte sich Sahin.
»Nein. Der ist nur für Jonas.«
»Und was ist mit unserer Quest?«, mischte sich Maik ein. »Wir sind jetzt vollzählig.«
»Drauf geschissen«, zeterte David. »Das kann warten. Fangt ohne uns an.«
»Hey!«
Doch Jonas war neugierig geworden. Was hatte er ihm zu erzählen? Kurzerhand klickte er auf bestätigen und sogleich verstummten die empörten Rufe seines Teams automatisch. Sie waren nun zu zweit im neuen Chat.
»Was ist los?«, fragte er zögerlich in die Stille. Sein Freund antwortete nicht sofort, was seine Neugier noch verschärfte.
»Mein Cousin«, begann David schließlich, »hat mir neulich etwas erzählt.«
»Sowas machen Cousins manchmal«, antwortete Jonas ungeduldig. »Um was geht es?«
»Um dein Problem. Besser gesagt, um eine Lösung für dein Problem.«
»Jetzt bin ich dir hörig«, witzelte er und lehnte sich zurück. Seine Neugier wich der Erkenntnis, dass David, der ohnehin für seinen herausfordernden Humor bekannt war, ihn nach Strich und Faden verarschen würde.
»Ich meine es ernst. Schieben wir mal allen Spaß beiseite. Jetzt ist Realtalk angesagt.«
»Realtalk?«
»Jepp. So unter Männern.«
Jonas überlegte, ob er jemals mit David ein ernstes Gespräch geführt hatte. Ja, sie hatten sich oft bei ein oder zwei Bier über die Mühen des Lebens ausgetauscht, doch war dies stets oberflächlich geblieben. Was hatte sein Kumpel ihm zu sagen?
»Schieß los.«
»Also. Mein Cousin. Wie du weißt, ist er ganz lange single gewesen und mittlerweile vergeben.«
»Ist mir bekannt.«
»Er war einer von uns, richtig nerdig, richtig … nun, Dauersingle.«
»Auch bekannt.«
»Aber das hatte sich plötzlich geändert. Weißt du noch, wie wir uns darüber alle gewundert hatten?«
Jonas bejahte. Er konnte sich gut an die Euphorie erinnern, nachdem Davids Cousin Michi bekanntgegeben hatte, endlich eine Frau für sich gefunden zu haben.
»Und weißt du noch, wie wir uns alle gefragt haben, wie er das geschafft hatte?«
»Ja.«
»Nun, letzte Woche hat er es mir erzählt.«
Jonas lachte. »Na, jetzt bin ich aber mal gespannt. Du wirst es mit sicherlich erzählen. Mal sehen, wie lange es dann dauert, bis mir die Frauen die Türe einrennen.«
»Zieh das Ganze nicht ins Lächerliche«, meckerte David säuerlich. »Sonst lasse ich es bleiben.«
»Ist ja schon gut. Also, wie hat er es geschafft?«
»Mit einem Datingcoach. Einer Coachin, oder wie man das in weiblicher Form eben nennt.«
Jonas lachte los. »Er hat Datingunterricht genommen?«
Er erwartete, dass auch David in sein Gelächter einstieg und endlich den Witz auflöste. Doch er tat es nicht. Stattdessen antwortete der Mann, der den sinnlosen und kaum ernstzunehmenden Gamertag MagicBagic trug, mit einer für ihn ungewohnt ernsten Stimme.
»Sie ist viel mehr als nur eine Tippgeberin für Dates. Sie bringt dir bei, wie man eine Frau anspricht, wie man sie verführt und schließlich, wie man mit ihr schläft. Und zwar so, dass sie immer mehr will, dass sie bei dir bleiben will.«
»Du verarscht mich doch.«
In Jonas stieg eine kribbelnde Wut empor. Nach dem, was er gestern Abend erlebt hatte, hatte er es nicht verdient, veräppelt zu werden. Er führte den Mauscursor zur Schaltfläche, die den Voicechat beenden würde.
»Nein!«, rief David energisch. »Verdammt, er hat es mir bis ins kleinste Detail erzählt. Diese Frau gibt es wirklich!«
»Und selbst wenn es sie geben würde, erwartest du, dass ich mich coachen lasse?«
»Warum nicht? Bei ihm hat es doch auch geklappt.«
Eine kurze Stille entstand. Dutzende Fragen flogen durch Jonas Kopf. Erzählte David die Wahrheit? Konnte man tatsächlich lernen, wie man datet? Wie man verführte? Jonas hielt diese Fähigkeiten stets für gottgegeben, einfach angeboren. Entweder war man ein Frauenheld, ober eben nicht. Er hingegen war keiner. Und trotzdem versuchte er es immer wieder – mit bekanntem Erfolg.
»Wie macht sie das?«
»Hm. Also zuerst trifft sie sich mit dem Kunden. Sie möbelt ihn auf. Gibt ihm Tipps, stärkt sein Selbstvertrauen. Und dann, dann schläft sie mit ihm.«
Jonas Mund wurde plötzlich ganz trocken. Sein Herz machte einen Satz.
»Also ist sie eine Prostituierte?«
»Ich glaube nicht, dass sie so genannt werden möchte.«
»Nimmt sie Geld dafür?«
»Na klar. Nicht wenig sogar.«
»Dann ist sie eine.«
David stöhnte genervt. »Nein. Sie ist eine Lehrerin. Sie bringt dir all das bei, was du brauchst, um endlich von deinem Bildschirm wegzukommen und ins Leben zu starten.«
»So ein Quatsch.«
»Warum?«
»Ich gebe doch kein Geld dafür aus, um mir Datingtipps anzuhören und dann mit der Lehrerin zu schlafen. Das ist … irgendwie billig.«
»Und jedes Wochenende aufs Neue auf eine erfolglose Restefickentour zu gehen nicht?«
Jonas schwieg einen Moment. »Touchè.«
»Siehst du. Sie soll sehr gut sein, in dem, was sie tut. Mein Cousin hat den Tipp von einem Kumpel bekommen, der auch sehr zufrieden ist. Und jener Kumpel hat ebenfalls nen Tipp von einem Kumpel bekommen. Und so weiter. Die Frau kann was, davon bin ich überzeugt.«
»Hast du sie auch angerufen?«
David lachte. »Nein, Mann. Ich bin pleite. Keine Chance.«
»Wie viel nimmt sie denn?«
»Keine Ahnung. Michi meinte, ich solle sie erst anrufen, wenn ich etwas angespart habe.«
Jonas dachte nach. Wäre ein Sexcoaching, beziehungsweise, ein Datecoaching das, was er brauchte? Etwas in seiner Magengegend kribbelte aufgeregt. Sie würde mit ihm schlafen. Dabei hatte er es stets abgelehnt, Sex durch Bezahlung zu haben. Er fand das nicht richtig. Aber in diesem Fall … War es mehr, als die bloße Lust. Vielleicht hatte ein Treffen mit der Frau tatsächlich einen Mehrwert für ihn. Manchmal schmiss das Leben einem die Chancen direkt vor die Füße. Man musste diese nur selbstständig erkennen und aufheben. Wer eine solche Möglichkeit nie annahm, würde niemals weiterkommen und auf der Stelle treten. War dieses Coaching die Chance, seine Chance, die ihm das Leben vor die Füße gelegt hatte?
Eine andere Frage drängte sich ihm auf. Würde er sich das überhaupt trauen? Eine Frau, die genau wusste, was sie tat. Eine Frau, die ihm beibringen konnte, wie es sich anfühlen konnte. Weiche Lippen auf seiner Haut. Sanfte, aber fordernde Hände, die ihn lenkten. Ihre Stimme, leise, heiß, direkt an seinem Ohr.
Sein Herz raste. Eine Prostituierte – pardon, eine Sexlehrerin – war sicherlich sehr selbstbewusst und erfahren. Er dagegen war … ein Nerd. Nichts im Vergleich zu ihr.
Wenn du alleine in einen Club gehen und Frauen ansprechen kannst, dann kannst du auch das!
Seine innere Stimme hatte mit Energie gesprochen. Und Jonas fühlte, dass sie recht hatte.
»Und du verarscht mich wirklich nicht?«
»Nein, Mann.«
Werde ich das tatsächlich machen? Verdammt, das würde bedeuten, dass ich endlich Sex …
»Soll ich dir die Nummer besorgen oder nicht?!«
Jonas spürte, wie sein Bauch kribbelte, als hätte jemand eine heiße Hand auf ihn gelegt. Sein Unterleib zog sich zusammen, seine Lenden prickelten, ein dumpfes Pochen breitete sich aus. Der Gedanke, dass eine erfahrene Frau ihn berühren, führen, ihn in diese verlockende Welt einweihen würde – sein Penis regte sich.
Er drückte die Beine aneinander. Fuck! Die Vorstellung allein brachte ihn schon an den Rand der Kontrolle. Er würde Sex haben. Echten, richtigen Sex. Und verdammt, vielleicht verhalf ihm dieser zu noch mehr Sex. Und noch mehr!
»Besorge sie mir!«