6.

»Wie wohnst du eigentlich?«, fragte Silvana. Sie und Jonas hatten das Einkaufszentrum verlassen und durchquerten den Park, in dem sie sich getroffen hatten.
»Na ja«, begann er zu erklären, während er in seiner linken Hand eine Tüte mit gekaufter Kleidung trug. Mit der rechten hielt er die Spanierin, die ihn interessiert ansah. »Ich lebe zur Miete in einer Zweizimmerwohnung. Und da ich so gut wie nichts verdiene, tragen meine Eltern einen Teil der Miete.«
Sie nickte. »Die Mieten heutzutage sind ein Graus.«
Jonas genoss das Gefühl ihrer Haut auf der seinen. Jede Zelle seines Körpers sog ihre Körperwärme auf und er hoffte, dass der Weg, den sie zusammen bestritten, lang sein würde.
»Alleine zu leben kann sich ein Großteil der Leute kaum noch leisten. Und du brauchst ohnehin eine Frau an deiner Seite, Jonas.«
Ihre Stimme war warm, fast verführerisch nachsichtig – als würde sie bereits wissen, dass er genau das wollte. Ihre Nägel strichen langsam über seinen Handrücken, ihr Daumen kreiste ganz leicht über seine Haut. »Eine, die sich um dich kümmert. Die dich nimmt, wie du bist. Und der du zeigen kannst, was wirklich in dir steckt.«
Dann ließ sie eine süffisante Pause entstehen, in der Jonas nur schlucken konnte.
»Und natürlich eine, die sich die Miete mit dir teilt. Falls deine Eltern irgendwann genug von deinem Junggesellendasein haben.«
Jonas nickte verstehend. Er hatte zwar einen guten Draht zu seinen Alten, aber er hatte oft erlebt, wie ähnlich enge Banden in anderen Familien binnen kürzester Zeit zerbrechen konnten.
»Hast du Deko? Oder Pflanzen?«
Er schüttelte den Kopf.
»Irgendwelche schönen Farben an den Wänden?«
»Nein. Nur Weiß.«
»Also, das wäre auch etwas, an dem du ansetzen könntest. Wenn die ersten Dates gut laufen, wird es zweifellos irgendwann dazu kommen, dass du eine Frau mit nach Hause bringst. Du würdest erhebliche Pluspunkte sammeln, wenn sie von einer gemütlichen Atmosphäre empfangen wird. Damit meine ich lebendige, gut platzierte Pflanzen, Kerzen, ein paar Bilder von deiner Familie oder Freunden. Irgendeine sinnliche Farbe im Wohnzimmer, heimelige Bettwäsche im Schlafzimmer. Verstehst du?«
»Schon«, antwortete er nachdenklich. »Nur habe ich für sowas kein Auge.«
»Hast du eine Schwester? Oder eine gute Freundin?«
»Die Mädchen, die ich kenne, sind alle insgesamt dekofaul.«
»Sind sie auch so … nerdig wie du? Verzeih mir bitte meine Wortwahl.«
Jonas lachte. »Da gibt es nichts zu verzeihen. Mein gesamtes Umfeld ist wie ich – von meiner Fam abgesehen.«
»Nennst du die Frauen deshalb Mädchen?«
Darüber hatte er noch nie nachgedacht. Aber jetzt, als Silvana es aussprach, kam es ihm in den Sinn. Die Mädchen, mit denen er verkehrte, waren tatsächlich das – Mädchen. Nicht, weil sie jung und minderjährig waren, sondern weil sie sich einfach nicht als erwachsene, aufreizende Frauen präsentierten.
»Vielleicht, ja. Darüber habe ich noch nie Gedanken gemacht.«
»Irgendwann ist immer das erste Mal.«
»Meine Schwester könnte mir beim Dekorieren helfen, denke ich. Sie wohnt ziemlich modern.«
»Ist sie älter als du?«
Er nickte. »Fünf Jahre. Verheiratet und mit einer Tochter gesegnet.«
Seine Lehrerin lächelte. »Kinder sind etwas Tolles. Möchtest du welche?«
»Eines Tages schon. Aber das hat Zeit. Und du?«
»Ich habe keine. Und ich glaube, dabei wird es bleiben. Ich liebe es, Tante zu sein – aber ein eigenes Kind? Das ist einfach nicht mein Weg. Außerdem gehe ich stramm auf die Vierzig zu. Und die biologische Uhr ist kein Mythos.«
Jonas sah Silvana an und versuchte, in ihrem Blick eine Emotion zu erkennen. Aber sie hatte ein Pokerface aufgelegt. »Vielleicht mit dem richtigen Partner?«
Sie lachte. »Von denen gab es viele. Also Partner. Nur hat mich keiner dazu gebracht, meine Einstellung zu ändern.«
Schwang in ihrer Stimme ein Anflug von Trauer mit? Oder hatte er es sich nur eingebildet? Für einen kurzen, absolut absurden Moment, sah er sich an ihrer Seite – mit einem Kind zwischen ihnen. Er schüttelte dieses Bild ab – er spielte nicht in ihrer Liga.
»Also du und deine Schwester. Eine wichtige Mission. Nicht vergessen. Deko kaufen.«
Jonas nickte und bemerkte die Blicke, die andere Passanten ihnen zuwarfen. Er genoss es, dass die Leute sie zusammen sahen und zumindest für den heutigen Tag annahmen, dass sie ein Paar waren. Dass er es geschafft hatte, eine zehn von zehn an Land zu ziehen.
»Wie wohnst du?«, fragte er und stellte fest, dass er in Gegenwart dieser gefährlichen Löwin erstaunlich frei und offen reden konnte. Woran das lag, konnte er sich nicht erklären. Vielleicht war das so mit einer Frau, die erotisches Biest und Weggefährtin zugleich sein konnte.
»Das wirst du bald sehen«, antwortete sie knapp. »Dein neuer Look gefällt mir übrigens sehr gut. Eigenlob stinkt, aber dich habe ich gut hinbekommen. Das waren die Rückenschmerzen, das lange Knien und Durchwühlen der Regale wert.«
»Danke«, sagte Jonas und errötete. Zufrieden ließ er den Blick sinken und betrachtete seine neue Jeans, das Shirt, das karierte Hemd und die weißen Sneaker, die er im Laden direkt angelassen und bezahlt hatte. Zwar waren mit dem ganzen drum und dran mehr als die geschätzten fünfhundert Euro Zusatzkosten im Einkaufszentrum geblieben, aber das war es wert gewesen. Er lächelte.
»Hast du Kondome zuhause?«
Silvanas Stimme war lässig – zu lässig. Sie wusste genau, was sie tat.
Jonas‘ Kehle wurde trocken. Wie bitte? »Ähm … j-ja, klar. Ein paar.«
Ihre Augenbraue hob sich leicht, während sie ihn prüfend ansah. »Nur ein paar?«
Sein Magen zog sich zusammen. Oh verdammt. Sie machte sich über ihn lustig. »Also … vielleicht ein paar mehr.«
Ihr Lächeln wurde noch frecher. Dass es gut fünfzig Stück waren, verriet er ihr nicht. Die Pariser hatte er sich in der Hoffnung gekauft, diese in voller Leidenschaft und vor allem zügig aufbrauchen zu können. Dass er aus dem XXL-Riesenpacket kein einziges in einer Frau versenkt hatte, enttäuschte ihn sehr.
»Sind sie noch haltbar?«
»Die Dinger können ablaufen?«
»Klar. Das Material kann über die Zeit austrocknen und spröde werden. Und da es das wichtigste Verhütungsmittel ist und dich auch vor Krankheiten schützt, empfiehlt es sich, es regelmäßig auszutauschen.«
»Du hast recht.«
Er machte sich eine innere Notiz. Kondome checken und einhundert neue kaufen. Er war optimistisch, dass er dieses Mal Dutzende aufbrauchen würde.
»Hast du Massageöl?«
»Massageöl? Nö …«
Sie lächelte verschwörerisch. »Dann hör jetzt mal gut zu, der folgende Tipp kann dein Leben verändern und ist einer meiner Wertvollsten.«
Sie legte eine dramatische Pause ein. Er sah sie wissbegierig an.
»Es gibt kaum ein besseres Vorspiel als eine Massage. Wirklich.«
Jonas hob überrascht eine Augenbraue. »Oookay«, sagte er gedehnt. »Wieso das?«
Silvana grinste, ihre Stimme wurde fast ein Flüstern. »Weil du dabei jede Kurve ihres Körpers kennenlernst. Ihre Haut, warm und nachgiebig unter deinen Fingern. Ihr Atem, der sich vertieft, wenn du die richtigen Stellen triffst …«
Seine Gedanken explodierten. Er sah sich mit ihr in einem Zimmer … Seine Hände, die sich von den Schultern tiefer arbeiteten, sanft über ihre Seiten strichen, bis sie an ihren Hüften ruhten, kurz davor, das Tuch abzulegen …
Heilige Scheiße.
Jonas‘ Gedanken rasten. Sein Kopf lieferte ihm Bilder, die sich sofort in seinen Unterleib gruben. Seine Jeans spannte sich.
»Schön romantisch, bei Kerzenschein und mit Öl. Herrlich.«
»Aber ist es nicht aufdringlich, wenn ich plötzlich anfange, mein Date zu massieren?«
Silvana lachte und sah ihn mütterlich an. »Es muss natürlich passen, du Dödel.«
Er errötete. Und irgendwie wusste er nicht, wie er dazu stehen sollte, dass sie ihn einen Dödel genannt hatte. Aber das war scheinbar ihr Sprachgebrauch und wer war er schon, sie dafür zu rügen?
»Es gibt Frauen, die es nicht leiden können, massiert zu werden. Unglaublich, aber wahr. Andere hingegen mögen es zwar, möchten dies aber nicht in einem zu frühen Stadium einer Beziehung. Das Thema erfordert ein gewisses Fingerspitzengefühl.«
»Wie merke ich, dass sie zu einer Massage bereit ist?«
Silvana überlegte, ließ ihren Blick schweifen. »Du musst forschen«, begann sie zu erklären. »Wenn ihr euch näherkommt, könntest du sie sanft anfassen, ihren Nacken drücken, sie zärtlich streicheln. Sobald du merkst, dass es ihr gefällt, kannst du weiter gehen. Du wirst spüren, wenn sie sich dir und deinen Händen öffnet.«
»Soll ich sie nicht einfach danach fragen?«
»Nein, das wäre zu direkt«, gab sie schnell zurück und sprach mit absichtlich verdummter Stimme weiter. »Darf ich dich einmal massieren? Sabber, sabber.«
Sie lachte.
»Das wäre schon etwas creepy.«
Jonas stimmte ins Lachen mit ein.
»Nein, im Ernst. Es gibt keine Faustformel dazu. Du musst die Frau lesen. Und das ist etwas, das sich schwer über theoretische Grundlagen vermitteln lässt.«
Sie gingen an einer Wiese vorbei, die mit Löwenzahn und weißem Klee übersät war. Es roch sommerlich nach Leben. Irgendwo in der Nähe grillte jemand.
»Also Öl kaufen«, murmelte er fasziniert von dem Gedanken, eine Frau, und vor allem ihren Körper, durch eine Massage kennenlernen zu können. Seine Hose spannte sich bei der Vorstellung, nackte Haut unter seinen Fingern spüren zu können. Und während Silvana weitersprach, schweifte er ab und erinnerte sich an den Moment in der Umkleidekabine zurück. Erinnerte sich an das Gefühl, dass sie in und an ihm ausgelöst hatte. Er spürte ihre Hand an seinem Glied, die fordernd und großzügig zugleich seinen Schwanz erkundet hatte. Ob er ihr gefallen hatte? Ob er groß genug war? Unter seine Euphorie mischten sich Zweifel.
»Wir sind gleich da«, riss sie ihn aus seinen Gedanken.
Am Ende des Parks angekommen betraten sie ein Gewerbegebiet, das einen industriellen Charme ausstrahlte. Alte Gemäuer, rot geklinkert, zeugten von Gebäuden, die den Krieg überstanden und sich nur wenig verändert hatten. Und doch mischte sich in unregelmäßigen Abständen moderne Elemente unter sie. Glasfronten, neumodische Hipstercafes, Musikgeschäfte und Großstadtkindergärten reihten sich an Boutiquen, Schneidereien und Werkstätten. Vor einem hohen Bauwerk, das seiner Optik nach einst eine Fabrik gewesen war, blieben sie stehen.
»Da wären wir.«
Beeindruckt sah Jonas an der Hauswand hinauf. »Hier wohnst du?«
Sie nickte, ihr Lächeln geheimnisvoll. »Hier wohne, arbeite und liebe ich.«
Das Wort lieben brannte sich tief in seine Gedanken ein. Ein winziger, unvermeidbarer Stich der Ehrfurcht überkam ihn.
Hier drin wird es passieren. Er schluckte schwer. Sein Kopf wusste es. Sein Körper wusste es noch mehr. Sein Verstand versuchte, ihn zu beruhigen, doch sein Puls schoss in die Höhe.
Sie wird mich gleich hereinbitten …
Ich werde mit ihr allein sein …
Und dann …?
Er schluckte und spürte, wie seine Knie vor positiver Anspannung zitterten. Nun wurde es ernst. Und er war bereit dazu.

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Autor

kim.f.wolf@gmail.com