4.
Jonas saß auf einer Parkbank und betrachtete seine Hände. Er drehte sie, musterte die Finger und die Nägel, die er sich am Vorabend feinsäuberlich geschnitten hatte. Passanten liefen an ihm vorbei, ohne sich um den jungen Mann zu kümmern, der auf jemanden zu warten schien.
Er warf einen nervösen Blick auf seine Uhr, die ihm verriet, dass sie gleich kommen würde. Sein Körper zitterte vor Aufregung. Er sah sich um. Versuchte herauszufinden, welche der Frauen, die in seine Richtung unterwegs waren, die Sexlehrerin sein könnte. Weil seine Nervosität ein Ventil brauchte, spielte er mit den Händen und strich sich über die Oberschenkel.
Seine Gedanken glitten zurück und er ließ die letzten Tage Revue passieren. Am Mittwoch hatte er sich rasiert. Nicht im Gesicht, da war er so gut wie haarlos. Nein. Er hatte den Säbel an seiner Brustbehaarung angesetzt, anschließend folgten der Bauch, die Achseln und zu guter Letzt die Hoden samt Schaft. Er hatte dabei stets das im Hinterkopf, was Silvana ihm am Telefon gesagt hatte: Körperpflege. So auftreten, wie man es sich selbst von seinem Partner wünschen würde.
Kurz bevor er in Richtung Park aufgebrochen war, hatte er gründlich geduscht und rekordverdächtig lange die Zähne geputzt. Er hatte seine beste Alltagskleidung rausgesucht, was nicht einfach gewesen war, da beinahe jede seiner Boxershorts und Socken löchrig waren. Den Kampf gegen seine widerspenstigen Haare hatte er allerdings verloren – sie ließen sich von ihm kaum in Form bringen und freche Strähnen ragten wirr zu allen Seiten ab. Hätte er doch bloß den Gang zum Frisör gewagt, aber dafür war es nun zu spät.
Ein kleiner Vogel landete unweit vor ihm auf dem Boden und pickte etwas auf. Das stetige Kopfnicken des Tieres zog ihn in seinen Bann. Sein Herzschlag beruhigte sich für einen Moment – dann fiel ein Schatten auf ihn.
Sein Magen zog sich zusammen. Er hob langsam den Blick und bemerkte die Frau, die vor ihm stand. Sein Mund wurde trocken. War sie das?
»Jonas?«, fragte sie und lächelte ihn mit knallroten Lippen an. Er schluckte. Das musste sie sein. Silvana.
»Ja, d-der bin ich«, antwortete er mit brüchiger Stimme, während er die Frau von oben bis unten musterte. Wow!
Ihr Körper war perfekt proportioniert – schlank, aber mit genau den passenden Rundungen an den richtigen Stellen. Lange, schwarze Haare fielen ihr glatt auf die Schultern, perlten von dieser ab und legten sich in einzelnen Strähnen auf ein weißes Top, das eng anlag und die Form ihrer Brüste betonte. Ihr Dekolleté hob und senkte sich sanft mit jedem Atemzug – ein hypnotischer Rhythmus, der ihn für einen Moment die Welt um sich herum vergessen ließ. Eine hautenge Dreivierteljeans umschloss eine schmale Hüfte und endete über schneeweißen Chucks. Er schätzte sie auf Mitte dreißig, etwas älter also, als er sie am Telefon empfunden hatte.
Wow!, dachte Jonas und bemerkte zu spät, dass ihm der Mund offen stand. Sofort schoss ihm eine brennende Röte ins Gesicht. Er erhob sich, was mit seinen zitternden Knien alles andere als einfach war und wurde bald von einem anziehenden Parfüm eingenommen. Wie würde es weitergehen? Gaben sie sich die Hände? Wie begrüßte man eine Frau, die noch am selben Tag Sex mit einem haben würde?
Sie schien seine Verunsicherung zu spüren und streckte eine Hand aus. Er ergriff sie und wurde sich sofort bewusst, wie verschwitzt seine Flosse im Vergleich zu ihrer doch war.
Silvanas Finger waren lang, beinahe zerbrechlich, ihre Haut weich. Und trotz alledem strahlte ihre Hand so unendlich viel Kraft aus, dass es Jonas die Sprache verschlug.
»Schön, dass es geklappt hat«, freute sie sich und offenbarte makellose Zähne. Mehrere Piercings an ihren Ohren glitzerten im Licht der Sommersonne. »Du glaubst gar nicht, wie viele Kerle nicht zu den Verabredungen erscheinen.«
Jonas nickte stumm, konnte die Männer aber verstehen. Für ihn grenzte es an ein Wunder, dass auch er kein Reißaus genommen hatte.
Von der Frau, die im Grunde so zierlich wirkte, ging eine enorme Aura aus und er war sich sicher, dass jeder Geigerzähler bei ihr eine mächtige Strahlung feststellen würde.
»Eine formale Sache, bevor wir beginnen.«
Silvana öffnete ihre Handtasche mit einer selbstbewussten, eleganten Bewegung, zog eine Geldbörse heraus und sah ihn mit ruhigen, aber bestimmten Augen an. Jonas verstand sofort. Sein Puls beschleunigte sich, als er nach dem dicken Geldbündel in seiner Hosentasche griff. Als er ihr die 1500 Euro überreichte, sah er sich verstohlen um. Er fühlte sich beinahe so, als würde er von der Frau etwas Verbotenes kaufen. Ob die Passanten, die sie passierten, ihnen fragende Blicke zuwarfen? Was würden sie über ihn denken, einen jungen Mann, der einer hübschen Dame Bargeld zusteckte? Oh Gott, dachte er, nicht, dass sie annehmen, dass ich eine Prostituierte …
»Ich bedanke mich herzlich«, sagte Silvanas, nachdem sie das Geld verstaut hatte. Dann legte sie den Kopf quer, schenkte ihm ein Lächeln und musterte ihn. In ihr Gesicht schlich sich etwas Kritisches, aber ihr Lächeln hielt stand.
»Wollen wir ein Stück gehen?«
Sie wies den Weg entlang. Jonas bejahte, und schon setzten sie sich in Bewegung. Silvanas Art sich fortzubewegen war lässig-elegant. Er dagegen fühlte sich wie ein greisenhafter Holzwurm, der nicht mehr dazu in der Lage war, einen geraden Schritt zu machen. Er ärgerte sich darüber, dass so etwas Banales wie gehen so schwer sein konnte.
»Du bist aufgeregt, nicht wahr?«, stellte sie fest und sah ihn gutmütig an.
»Und wie«, bestätigte er kleinlaut und senkte den Blick. Als ein Skater an ihnen vorbeidonnerte, sah Silvana diesem hinterher – und Jonas nutzte den Moment schamlos aus. Seine Augen glitten über ihre schmale Taille, tiefer zu den verdammt engen Jeans, die sich um ihren Po spannten wie eine zweite Haut.
Heilige Scheiße. Ihr Hintern war ein Kunstwerk – rund, knackig, wie gemacht dafür, ihn zu greifen, zu kneten, an sich zu ziehen. Ein brennendes Pochen durchzog seinen Unterleib, sein Körper reagierte, als hätte sie ihn berührt.
Er schluckte schwer, riss sich los und zwang sich, nach vorne zu blicken. Aber sein Gehirn gehorchte ihm nicht. Er hielt die Luft an und mahlte sich aus, wie er mit der Hand über ihren Po …
Reiß dich zusammen, Mann!
»Das ist auch okay. Ich werde mir die größte Mühe geben, dir das Coaching so angenehm wie möglich zu gestalten.«
»Danke.«
»Also, Jonas. Bist du gut in den Tag gestartet? Hast du gut gefrühstückt?«
»Nicht wirklich«, gestand er. »Ich war zu aufgeregt.«
»Süß«, lächelte Silvana. Dann tat sie etwas, das er nicht erwartet hatte. Sie ergriff seine Hand und ließ sie nicht mehr los. Dabei sah sie ihn erwartungsvoll an.
»Hast du schon einmal Händchen gehalten?«
Er war sich sicher, dass sein Gesicht melonenrot glühte. Er schüttelte den Kopf.
»Und wie findest du es?«
Jonas spürte in sich hinein. Die Wärme ihrer Hand war anders, als er es sich vorgestellt hatte – sie war nicht nur angenehm, sie elektrisierte ihn. Ihre Finger waren schlank, aber kräftig, ihre Haut weich, aber mit einem festen Griff. Er fühlte sich gehalten, geführt – und er wollte diese Berührung nicht mehr loslassen.
Aber da war noch mehr. Ein Knistern, das ihm durch die Brust schoss und tiefer sank. Etwas in Watte Gepacktes, etwas Rosafarbenes, etwas … Schönes.
»Ich … mag es.«
Als eine Gruppe von Männern und Frauen an ihnen vorbeiging, verkrampfte er etwas. Sie schien es zu spüren.
»Ist es dir unangenehm, wenn uns jemand so sieht?«
»Das nicht. Nur ungewohnt.«
»Du hast gezuckt.«
Jonas dachte nach. »Irgendwie ist es komisch, mit jemanden an einer Hand zu gehen, den man nicht kennt.«
Sie nickte. »Im Grunde hast du recht. Ich will dir damit auch nur zeigen, wie schön das Händchenhalten sein kann, und dass es sich lohnt, sich ins Zeug zu werfen, damit man einen Partner bekommt, mit dem man es machen kann.«
Jonas nickte. Doch diese Art der Zärtlichkeit war ihm weniger wichtig als das, was im Verlauf des Tages passieren würde. Sie musterte ihn erneut.
»Also. Ich würde vorschlagen, dass wir zu allererst zum Frisör gehen. Ich kenne einen hier in der Nähe, der nicht nur gut schneidet, sondern auch fantastischen Kaffee serviert. Was hältst du davon?«
»Klingt super.«
»Und im Anschluss können wir mal ein paar fesche Klamotten für dich raussuchen. Verstehe es nicht falsch, aber mit diesem Hemd und dem Walfisch darauf bekommst du keine Dame aus ihrem Höschen.«
Er errötete. Und verstand. Er vertraute seiner Lehrerin.
*
Jonas sah in den Spiegel. Sein Ebenbild schaute zurück, während sich die Friseurin, eine kurvige Dame mit einem einnehmenden Lächeln, mit dem Kamm durch seine Mähne kämpfte. Auf dem Frisiercape hatten sich zahlreiche Haare gesammelt, nachdem sie mit der Maschine seine Seiten geschoren hatte. Er versuchte, sich zu erinnern, wann er zuletzt so kurze Haare hatte, aber es fiel ihm nicht ein. Auch der letzte Besuch bei einem Friseur lag so lange zurück, dass er nicht sagen konnte, ob es drei, vier oder fünf Jahre her war. In der Zwischenzeit waren seine Haare gewachsen und nur unregelmäßig von seiner Mutter halbwissend mit einer einfachen Schere gestutzt worden.
»Hast du ein Auto?«, fragte ihn Silvana, die sich auf einem Hocker unweit neben Jonas niedergelassen hatte. Seit gut zwanzig Minuten stellte sich ihn Fragen und lernte ihn kennen. Er empfand es als äußerst angenehm, so viel von sich erzählen zu können, ohne dass sein Gesprächspartner sich gelangweilt abwandte.
»So einen uralten Opel«, antwortete er. Er versuchte zwanghaft, seinen Kopf gerade zu halten, um der Friseurin das Arbeiten zu erleichtern. Jedoch kämpfte er gegen den Zwang, sich seiner Lehrerin zuzuwenden. Immer, wenn er sie ansah, flatterte sein Herz vor Vorfreude. Sie war wunderschön, hatte etwas Südländisches an sich, etwas Feuriges. Vielleicht hat sie spanische Wurzeln? Er mochte ihre Körperhaltung, den geraden, selbstbewusst aufgereckten Körper, die stolz präsentierte Brust. »Ein Cabrio.«
»Was heißt uralt? Astra G?«
»Nee, sogar ein Astra F.«
»Alt, aber cool, würde ich sagen.«
»Schon. Im Sommer macht die Karre einfach Spaß. Offen fahren, Musik hören … Nur die Benzinkosten fressen einen auf. Das Ding ist hungrig.«
»Für einen frisch ausgelernten Maler sicherlich nicht eben so zu stemmen.«
»Meine Eltern tragen die Kosten für das Auto. Also Versicherung und Steuern. Eigentlich kann ich nicht klagen. Ich musste ihnen lediglich versprechen, das Ding nicht kaputt zu fahren. In zwei Jahren bekommt er nämlich das Oldtimer Kennzeichen.«
Silvana lachte. Dann beobachtete sie für einen Moment, wie die Friseurin mit Zeige- und Mittelfinger eine Haarsträhne von ihm griff und hochzog.
»Länger oder kürzer?«, fragte sie und zu Jonas Überraschung galt diese Frage nicht ihm. Die Lehrerin überlegte einen Moment.
»Etwas länger. Zu kurz sollte es nicht werden.«
Die Dame nickte und machte sich an die Arbeit.
»Also, Jonas, ich muss mal was loswerden«, sagte Silvana und sah ihn im Spiegel direkt an. »Du hast echt ein hübsches Gesicht. Das kommt jetzt, da deine Haare in Form gebracht werden, erst richtig zur Geltung. Ich verstehe nicht, wie du dieses Werkzeug nie wirklich eingesetzt hast.«
Jonas errötete sichtlich, was ihm sehr unangenehm war.
Selbst die Friseurin nickte zustimmend. »Danke …«
Dabei hatte er es einfach nie gemocht, zum Friseur zu gehen. Nicht, weil er Angst vor der Schere hatte. Eher war es die Ratlosigkeit, was er sich hätte schneiden lassen sollen. Und irgendwie war ihm die Vorstellung unangenehm gewesen, mit wildfremden Menschen über sein Aussehen zu sprechen. Im Nachhinein sau dämlich. Das verstand er genau in dem Moment, als auch ihm klar wurde, dass es hässlichere Männer gab als ihn. Ein warmes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus.
»Du hattest angedeutet, dass dein erstes Mal schlecht war«, wechselte Silvana abrupt das Thema. Jonas errötete abermals. Sein Blick glitt für den Bruchteil einer Sekunde zur Friseurin, die interessiert die Augenbrauen hochgezogen hatte. Seine Lehrerin hatte offenbar keine Probleme damit, gewisse Details direkt und schonungslos anzusprechen. Am liebsten würde er schweigen und es ihr erzählen, wenn sie wieder zu zweit waren – aber ihr auffordernder Blick verriet ihm, dass er sich öffnen musste.
»Na ja«, begann er zögerlich und kaute nervös auf seiner Unterlippe. »Es war halt einfach schlecht. Wirklich schlecht.«
»Aber was genau heißt schlecht? Hattest du Erektionsprobleme? Oder hat sie abgebrochen?«
Jonas trat der Schweiß auf die Stirn. Sowas hatte ihn noch nie jemand gefragt. Selbst seine Kumpels aus der Gamerbande nicht – und denen hatte er schon viel mehr erzählt, als den meisten Menschen, die er kannte.
»Nein«, wiegelte er ab. »Das waren nicht die Probleme. Ich glaube einfach, dass wir beide keine Ahnung hatten, wie wir das anstellen sollten. Sie war auch nicht erfahren, weißt du?«
Silvana nickte verständnisvoll. »Erzähl doch bitte etwas mehr. Das hilft mir, dich besser zu verstehen.«
Jonas zögerte, gab sich jedoch einen Ruck. Während er berichtete, versuchte er krampfhaft, die Friseurin auszublenden, die jedes seiner Worte mithörte.
»Wir haben uns zuerst geküsst. Das war noch okay. Ohne den Kuss wäre es wohl nie zum … Akt gekommen.«
Er sprach das Wort Akt vor Verlegenheit beinahe lautlos aus. Die Frauen grinsten schelmisch, was ihn triggerte. »Wir haben angefangen, rumzufummeln. Und dann haben wir uns ausgezogen. Besser gesagt, ich habe uns ausgezogen. Irgendwie musste ich die ganze Arbeit machen. Das fand ich schon komisch. Und als wir dann nackt waren und ich loslegen wollte … nun, ich bekam ihn kaum rein.«
Den letzten Satz flüsterte er fast.
»Warum das?«, hakte Silvana nach. »War sie nicht feucht genug?«
Sein Gesicht explodierte vor heißglühender Scham. Er fühlte sich schmerzhaft in die peinliche Situation zurückversetzt, in der er versuchte, sein steifes Glied in die Vagina seiner Partnerin einzuführen. Wie er es nicht hinbekam, wie er einfach keinen Weg hinein fand. Wie sich die Zeit dehnte, wie es zog und klemmte, wie sein Herz vor Verzweiflung immer schneller zu rasen begann.
»Ich weiß es nicht«, antwortete er ehrlich. »Sie hat dann nie mit mir darüber gesprochen. Danach haben wir uns auch nie wieder wirklich berührt und es war bald aus zwischen uns.«
»Hattest ihr ein Vorspiel?«, ignorierte Silvana die traurige Bemerkung seiner Trennung. »Habt ihr euch Zeit dafür genommen?«
»Na ja, wir haben uns geküsst.«
»Küssen allein ist kein Vorspiel«, belehrte sie ihn. »Es ist eine Kombination aus Küssen, Berührungen, sinnlichen Momenten und wachsender Lust.«
Die Friseurin nickte zustimmend.
»Und falls das Vorspiel das Problem gewesen sein sollte, erklärt das auch, warum du es so schwer hattest, in sie einzudringen. Trockensex funktioniert einfach nicht.«
Jonas dachte nach. Das Ereignis lag zwar gut vier Jahre zurück, aber er schätzte, dass er sich tatsächlich mehr Mühe hätte geben können. »Es war halt mein erstes Mal. Ich wusste es nicht besser.«
»Das ist auch nicht schlimm, ich meinte das nicht als Vorwurf. Aber insgesamt hat uns das einen Schritt weiter gebracht. Wir haben einen Punkt, an dem wir den Hebel ansetzen können.«
»Okay.«
»Möchtest du eigentlich gar nichts über mich wissen?«, wechselte sie das Thema. »Das ist auch etwas, das du dir unbedingt merken musst. Dating funktioniert nicht nur in eine Richtung. Wenn es fluppen soll, gebe deiner Flamme das Gefühl, dass sie interessant ist, dass du dich für sie interessierst.«
Jonas nickte. In der Tat hatte er Silvana kaum etwas gefragt. Ein schlechtes Gewissen überkam ihn. Dabei hatte er es so genossen, von ihr interviewt zu werden. Aber er verstand, dass auch andere Menschen dieses Gefühl schätzten.
»Tut mir leid, du hast recht.«
»Wenn man euch beiden so zuhört, könnte man fast meinen, dass es sich bei euch um Mentor und Schüler handelt.«
Die Frisörin sah Jonas und Silvana im Wechsel interessiert an.
»Er hat mich für ein Datecoaching gebucht«, antwortete sie und er war froh, dass sie das Wort Sex für sich behielt. Sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu. Während die Frauen die eine oder andere Information diesbezüglich austauschten, versuchte er zwanghaft, sich Fragen einfallen zu lassen, die er Silvana stellen konnte.
»Machst du das mit dem Coachen eigentlich hauptberuflich?«, fragte er schließlich und hoffte, dass seine Erkundigung von offenem Interesse zeugte. Sie schüttelte den Kopf.
»Ne, das ist nur so ein Nebending. Quasi ein erweitertes Hobby. Den Großteil meiner Zeit verbringe ich mit meinem Onlineshop für Schmuck. Na ja, und ich drehe ab und zu Pornos.«
Bumm.
Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Sein Magen zog sich zusammen, sein Herz hämmerte gegen seine Rippen. Sie drehte Pornos. Echte. Richtige. Mit ihr in voller Aktion.
In seiner Hose regte sich etwas. Zum Glück war die Stelle von dem Friseurcape verdeckt. Verdammt. Er konnte nicht anders – sein Kopf malte sich Bilder aus. Silvana, nackt auf einem Bett, ein muskelbepackter Kerl zwischen ihren Beinen. Ihr Blick, direkt in die Kamera, direkt in seine Seele.
»Pornos? Ähm … Das hätte ich nicht ge- …«
»Das denken die wenigstens. Aber es stimmt. Und es macht unendlich viel Spaß.«
Jonas Stirn brannte und er schrieb sich eine gedankliche Notiz, am Ende des Tages nach ihren Filmen zu suchen.
Wie sollte er mit dieser Aussage umgehen? Sollte er weiter fragen? Erwartete sie dies sogar, oder war das Thema zu intim, um weiter behandelt zu werden? Er dachte krampfhaft nach. Silvana war ein sehr direkter und offener Mensch. Das hatte er schnell verstanden. Wenn sie also nicht wollte, dass er sie zu diesem Thema weiter ausfragte, hätte sie es nicht erwähnt. Er schluckte und nahm seinen Mut zusammen.
»Was denn für Pornos? Falls du das erzählen magst.«
»Klar, ich habe damit kein Problem. Die Filme gehören zu mir und meinem Leben dazu. Würde ich sie verheimlichen, würde ich einen Teil von mir verleugnen.«
Sie sah ihn gutmütig an. Dann fuhr sie fort. »Ich drehe hauptsächlich Girl-on-Girl Filme. Und Solos, also Szenen mit Sexspielzeug und Masturbation.«
Jonas Herz flatterte vor Erregung. Er musste diese Filme unbedingt finden, koste es, was es wolle.
»Und mit Männern?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Mit Männern drehe ich nicht. Diese hebe ich mir für meine eigenen vier Wände auf.«
Sie grinste verrucht.
»Warum das?«
»Hm. Das ist halt einfach mein Ding. Jede Darstellerin hat eine Richtung, die ihr am liebsten ist und am besten zu ihr passt. Mir passen Lesben und Toys. Männer nicht.«
Jonas nickte. Diese Frau war der Inbegriff von Erotik. Nein. Sie war eine Sexbombe. Und wenn er es nicht vergeigte, würde er schon in wenigen Stunden kennenlernen, was es hieß, mit einer Darstellerin zu schlafen. Er dachte nach. Wollte noch mehr wissen. Doch die Friseurin, die ebenfalls eine leichte Röte auf den Wangen hatte, öffnete das Cape. »Fertig, junger Mann.«
Jonas blickte in den Spiegel. Ein neuer Haarschnitt, eine neue Erkenntnis – und eine Frau neben ihm, die ihn in eine Welt führte, in die er sich so sehr gewünscht hatte.
Eine Pornodarstellerin. Eine Sexlehrerin. Und bald seine erste richtige Liebhaberin. Scheiß aufs Geld!
Sein Magen zog sich zusammen. Er konnte kaum glauben, dass das alles wirklich geschah.