3.

Seit beinahe einer halben Stunde tigerte Jonas in seiner Wohnung auf und ab, das Smartphone dabei stets in seiner Hand. Er durchquerte das Schlafzimmer, das gleichzeitig sein Gamerzimmer war, den kurzen Flur, der nach alten Schuhen roch, die Küche, das Wohnzimmer. Das ein oder andere Mal betrat er das winzige Bad, nur um es im Anschluss direkt wieder zu verlassen. Er war, nachdem er von David die Telefonnummer der Sexlehrerin bekommen hatte, äußerst nervös. Und diese Nervosität bekämpfte er mit Bewegung.
Wähl einfach die beschissene Nummer, spornte er sich selbst an. So schwer ist das doch nicht!
Nein – so schwer war es nicht. Das wusste er. Es war sogar noch viel schwerer. Der Wunsch nach Intimität kämpfte gegen die Scheu vor fremden, selbstbewussten Menschen. Und genau ein solcher würde am anderen Ende der Leitung auf ihn warten – daran bestand kein Zweifel.
Im Club schaffe ich es auch, schimpfte er im Stillen. Ich habe so oft Frauen angesprochen. Wie habe ich das geschafft?
Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Alkohol. Auf der Jagd nach dem weiblichen Geschlecht hatte er sich stets Mut angetrunken. Er blickte auf die Uhr. Es war noch nicht einmal Mittag. Für Sprit eindeutig zu früh. Aber heiligte der Zweck nicht die Mittel?
Er ging ins Wohnzimmer und öffnete die Vitrine neben dem Fernseher. In dieser erwartete ihn ein Sammelsurium aus diversen Flaschen, einige geöffnet, andere unangetastet. Verunsichert ließ er seinen Blick über die Mutmacher schweifen. »Hm …«
Nein, das war nichts für ihn. Auf warmen Schnaps hatte er zu dieser Tageszeit keine Lust. Sein Magen rumorte bestätigend. Er schloss die Vitrine, steckte das Handy in die Hosentasche und ging in die Küche zum Kühlschrank. In diesem schlug ihn gähnende Leere entgegen. Nur in einem der unteren Fächer lagen lose Bierflaschen. Er nahm eine heraus und betrachtete das Etikett seiner Lieblingssorte. Kurzerhand zog er seinen Haustürschlüssel aus der Tasche und setzte diesen am Kronkorken an. Er zögerte.
»Was verdammt noch mal mache ich hier eigentlich?«, schimpfte er und legte die Flasche in den Kühlschrank zurück. Wenn ich mich nicht traue, nüchtern mit einer Frau zu telefonieren, wird sich mein Leben niemals ändern! Er schmiss die Tür so kräftig zu, dass der spärliche Inhalt des Kühlmöbels wütend klirrte. Dann zog er sein Smartphone hervor, entsperrte es und klickte auf die Nummer, die die Kraft hatte, sein Leben in neue Bahnen zu lenken.
Das Gerät tutete leise. Er aktivierte den Lautsprecher, legte es auf den Küchentisch und setzte sich davor. Es tutete und tutete. Die Lehrerin nahm nicht ab. Sein Herz, das vor Aufregung raste, rutschte ihm enttäuscht in die Hose. Nervös trommelte er mit den Fingern auf die Tischplatte. Als er auflegen wollte, endete das Tuten und eine Frauenstimme erklang.
»Silvana Martens.«
Jonas schluckte, ein kalter Schauer schoss durch seinen Körper. Ihm wurde schwindlig, sein Sichtfeld verschwomm. Blanke Panik nahm von ihm Besitz.
»Hallo?«
Die Stimme der Frau klang gestresst. So, als wäre sie voller Eifer zu einem entfernt liegend klingelnden Telefon gerannt. »Hallo?«!
»Ähm«, stotterte Jonas, dessen Sichtfeld sich langsam klärte. »Ja, hallo. Hier ist Smash2727.«
Er biss sich in die Hand, bis der Schmerz fast unerträglich wurde. Hatte er ihr gerade allen Ernstes seinen Gamertag genannt?
»Smash … was?«
»Ähm nein, tschuldigung. Ich heiße Jonas. Jonas Schubert.«
Die Frau, sie hatte sich, wenn er sich richtig erinnerte, als Silvana vorgestellt, lachte verunsichert. »Hast du dich verwählt?«
»Ähm nein, ich glaube nicht. Ich habe Ihre Nummer von einem Freund bekommen.«
»Okay. So was passiert. Und weswegen rufst du an?«
Sie duzte ihn. Durfte er das auch?
»Also … ich …«
»Okay, ich kann es mir schon denken. Du scheinst nervös zu sein. Sowas erlebe ich häufiger, wenn es sich um ein ganz spezielles Anliegen handelt.«
Jonas nickte bestätigend, was seine Gesprächspartnerin natürlich nicht sehen konnte. Wieder ärgerte er sich über seine eigene Unfähigkeit. Er war so tollpatschig!
»Du möchtest ein Coaching?«
Seine Kehle war plötzlich staubtrocken. So, als hätte der Hamburger Sommer alle Feuchtigkeit aus der Luft und den lebenden Organismen gebrannt.
»J-ja.«
»Okay. Damit sind wir schon einen Schritt weiter. Und bevor wir fortfahren, steck das Sie bitte in eine Schublade, die du abschließt. So möchte ich nicht angesprochen werden.«
Silvanas Stimme war sympathisch, jung, und gleichzeitig dominant streng. Jonas nickte erneut.
»Also, Jonas«, sagte sie. Der Klang seines Namens aus ihrem Mund hatte etwas Magisches. Ohne, dass er sie jemals gesehen hatte, spürte er, wie er sich zu ihr hingezogen fühlte. »Was genau führt dich zu mir? Erzähle mir etwas darüber und wir besprechen dann, welches Coaching zu dir passt.«
»Ähm«, presste der Nerd, und eben so fühlte er sich in diesem Moment, aus seinem ausgetrockneten Mund hervor. »Ich habe Probleme.«
Die Frau lachte verhalten. Aber es war ein freundliches, wertfreies Lachen. Nicht so wie das spöttische Lachen der Ladys in den Clubs, wenn sie ihn abservierten.
»Das haben alle, die mich anrufen. Kannst du es besser beschreiben?«
»Ich … versuche es.«
Jonas zögerte und überlegte, wie er beginnen sollte. All das, was er sich in der letzten halben Stunde während seiner Tour durch die Wohnung zurechtgelegt hatte, war verschwunden. »Ich möchte endlich eine Frau kennenlernen«, begann er schließlich.
Und Sex haben!
»Ich weiß nicht, wie ich sie anspreche und von mir überzeuge.«
Und wie ich sie flachlegen kann!
»Gut, damit kann ich schon mal etwas anfangen«, überlegte Silvana. »Du suchst also Datingtipps. Beziehungsweise, du möchtest Dating erlernen.«
»Ja, genau.«
»Noch etwas? Etwas, das daran anschließt?«
Ja! Ich will Sex haben!
Jonas zögerte verlegen. Sekunden der Stille vergingen.
»Du musst es schon aussprechen«, kam es streng aus dem Lautsprecher. Diese Frau hatte ihn offensichtlich direkt durchschaut.
»Ich … brauche Hilfe bei dem … was sich an ein erfolgreiches Date anschließen könnte.«
»Es auf den Punkt zu bringen und auszusprechen ist der erste Schritt, mein Lieber. Sei mutig, ich beiße nicht.«
Er wusste, was sie hören wollte. Er zögerte. Die Zeit zog sich unangenehm in die Länge. Ob Michi auch, so wie er, herumgedruckst hatte, bevor er es aussprechen konnte? »Ich … Ich will … Sex. Und ich weiß nicht, ob ich es … kann.«
»Jeder kann Sex.«, antwortete Silvana prompt. »Das ist uns angeboren. Mache dir da keine Sorgen. Guter Sex hingegen ist etwas anderes. Sex, der nicht nur einem selbst, sondern auch dem Partner gefällt. Normalerweise kommt das von allein, wenn man es das eine oder andere Mal gemacht hat und offen für die Wünsche des Gegenübers ist. Aber manchmal … muss man etwas nachhelfen. Ist es das, was du möchtest?«
Er schwieg. Dachte über ihre Frage nach. Dann kam es aus seinem Mund, schonungslos und ehrlich. »Ich weiß nicht, ob ich es kann. Ich bin quasi …«
Es fiel ihm schwer, das Wort auszusprechen. Sie kam ihm entgegen. »Jungfrau?«
»Zum einen ja, zum anderen nein.«
»Das musst du erklären.«
»Ich hatte schon einmal Sex. Das ist aber ein paar Jahre her. Und es war … schlecht. So schlecht, dass es eigentlich nicht zählt.«
»Okay, ich verstehe. Und davon abgesehen kein weiteres Mal?«
»Nein.«
»Hm. Also ein Coaching mit dem Schwerpunkt Dating und Sex? Ich biete noch ein drittes Paket an. Dieses enthält Beziehungstipps. Quasi all das, was wichtig wird, wenn das Date und euer erstes Mal gesessen haben. Möchtest du das auch?«
Jonas überlegte. Doch seine Antwort war ihm direkt klar. Er wollte vor der Frau aber zumindest aus Höflichkeit so tun, als dachte er über ihr Angebot nach. »Nein. Die ersten beiden reichen.«
Die Dame fürs Leben kommt später – aber ich will mir jetzt meine verfluchten Hörner abstoßen!
»Okay, ich verstehe. Das kriegen wir hin, Casanova.«
Obwohl er nicht wusste, wie genau er diese Betitelung einordnen sollte, freute er sich über die Zuversicht, die in Silvanas Stimme lag.
»Also, du bist technisch keine Jungfrau mehr, praktisch aber schon. Wir müssen also ganz von vorne anfangen.«
Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. »Ja«, antwortete er kleinlaut.
»Wie alt bist du?«
»Zwanzig.«
»Und du wohnst in Hamburg?«
»Ja.«
»Gut. Das hätte ich vielleicht zuerst fragen sollen. Anfragen aus anderen Städten lehne ich nämlich prinzipiell ab.«
»Okay.«
»Hast du einen Job? Eine Wohnung?«
»Ja, beides. Ich bin Malergeselle und habe eine Zwei-Zimmer-Unterkunft.«
»Ist sie aufgeräumt?«
Jonas ließ einen verunsicherten Blick durch die Küche schweifen. Ja, die Arbeitsflächen waren relativ sauber und er hatte sie vor ein paar Tagen gewischt. Aber er wusste nicht, wie sehr Frau sich an dem Geschirrberg stören würde, der sich an und in der Spüle auftürmte. Er beschloss, dieses Problem direkt nach dem Telefonat anzugehen.
»So lala.«
»Okay. Also bist du etwas chaotisch?«
Diese Frage hatte er sich noch nie gestellt. Was würde sie aus seiner Antwort schließen?
»Das würde ich nicht sagen. Aber ich bin wohl auch nicht das, was meine Mutter sich damals von mir gewünscht hätte.«
»Junggeselle halt«, antwortete Silvana. »Und Körperpflege?«
Diese Frau ist direkt, schluckte Jonas, während sein Magen gekränkt rumorte.
»Ich glaube, die ist normal.«
»Also, wenn wir uns zu dem Coaching verabreden, setze ich eine gewisse Pflege voraus. Immerhin werde ich mit dir schlafen und das soll auch für mich ein angenehmes Erlebnis werden. Verstehst du?«
Jonas hatte bei den Worten immerhin werde ich mit der schlafen direkt abgeschaltet. Den Not-aus gedrückt. Sein Kopf war eingefroren, sein Denken ausgestoppt. Es dauerte einen Moment, bis er sich fangen konnte.
»Klar, ich verstehe«, sagte er mechanisch.
»Das wäre dann schon mein erster Tipp. Präsentiere dich so, wie du es von einem anderen erwarten würdest. Denn du überzeugst nicht nur durch den primären Eindruck, wie zum Beispiel mit einer tollen Frisur und einem gepflegten Bart. Sondern auch mit einer gewissen Körperpflege, die sich erst später zeigt. Wenn du es tatsächlich schaffst, eine Dame zu dir ins Schlafzimmer zu verführen, wäre es doch äußerst ärgerlich, wenn sie durch etwas anderes, wie einem außer Kontrolle geratenden Sackhaar-Afro in die Flucht getrieben wird, oder?«
Jonas musste aufgrund ihrer Wortwahl schmunzeln. »Ich verstehe vollkommen.«
»Da bin ich mir sicher. Also, wenn du Interesse an dem Coaching hast, machst du dir zu dem zuletzt gesagten ein paar Gedanken. Alles andere Regeln wir beim Treffen.«
»Was meinst du damit?«
»Ganz einfach. Körperpflege ist dein Ding, aber bei deiner sonstigen Erscheinung kann ich dir gerne behilflich sein. Du willst eine neue Frisur, weißt aber nicht, welche zu dir passt? Kein Problem, ich helfe dir. Du willst einen neuen Kleidungsstil? Einen, der dir bei den Frauen weiterhilft? Ich übernehme das. Wir gehen shoppen.«
»Okay, klingt gut.«
»Kommen wir aber zunächst zu meinem Preis. Mein Coaching ist nicht von der Stange und kostet einiges. Weißt du darüber Bescheid?«
Jetzt kam der Knackpunkt. Dass Silvana teuer war, hatte David bereits angedeutet. Sein Herz ratterte unruhig. »Ich habe gehört, dass dein Service … das du dich nicht verramscht.«
Sie kicherte. »So kann man es auch ausdrücken. Also, Klartext. Das Coaching im Doppelpaket Dating plus Sex kostet 1500 Euro. Zahlbar in Bar direkt beim Treffen.«
Jonas wurde schwindelig. Das war beinahe die Hälfte dessen, was er auf seinem Konto hatte.
»Dazu kommen Spesen. Wie zum Beispiel Frisör, Shopping, Verpflegung. Denn der Tag wird lang und wir müssen auch etwas essen. In der Regel empfiehlt es sich, dafür mindestens weitere 500 Euro einzuplanen.«
Er schluckte. 2000 Piepen. Das war viel Geld. Für einmal Sex wirklich sehr, sehr viel. Etwas in ihm protestierte wütend. Es ist nicht nur Sex, es ist mehr. Ich bekomme eine Anleitung für viel, viel mehr Sex.
»Ich weiß, dass das eine harte Nuss ist. Du kannst gerne ein paar Nächte darüber schlafen und meldest dich dann, wenn du zusag-«
»Ich will es«, schnitt er ihr das Wort ab. »Ich habe das Geld.«
»Okay, prima«, frohlockte Silvana. »Ich verspreche dir, dass das Coaching jeden Cent wert ist.«
Da bin ich mir sicher, dachte sein zweites Gehirn. Er versuchte, sich die Frau am anderen Ende der Leitung vorzustellen. Wie mochte sie aussehen? War sie groß, mit endlos langen Beinen, die in High Heels noch verführerischer wirkten? Oder war sie eher klein und geschmeidig, mit einem Po, der sich unter enganliegenden Hosen perfekt abzeichnete? War ihre Haut sonnengeküsst, weich wie Satin? Hatte sie diesen hellen, reinen Ton, der sich gegen dunkle Dessous meisterhaft abhob?
Sein Blick verschwamm, während in seinem Kopf eigene Bilder entstanden. Er stellte sich vor, wie sie vor ihm stand, nur in zarter Spitze. Ihre Brüste waren fest, rund, die Art von Oberweite, die sich perfekt in seine Hände schmiegen würde. Die Art, die seine Lippen umfassen wollten, die unter seinen Küssen verhärteten.
Doch sein Fantasieblick wanderte tiefer. Ihr Bauch flach, geschwungen, vielleicht mit einem zarten Piercing über dem Bauchnabel. Und darunter – nackt? Oder rasiert mit einem schmalen Streifen, der seine Fantasie noch mehr befeuerte?
Wie mochte ihre Vagina aussehen? Er schluckte schwer. Würde sie feucht sein, wenn er seine Finger dort entlangstrich?
Sein ganzer Körper zog sich zusammen, während seine Hände in Gedanken über ihre Hüften glitten. Sein Griff wanderte tiefer, umfasste die Rundung ihres Pos, fest, prall, die perfekte Form, um sie in einem Moment der Begierde an sich zu ziehen.
»Wie wäre es mit nächsten Samstag?«, unterbrach Silvanas Stimme seine notgeile Gedankenspirale. »Gleich morgens gegen acht? Dann haben wir den ganzen Tag Zeit und können das Beste daraus machen.«
Samstag hatte er sich eigentlich bei seinen Eltern eingeladen. Auch seine Geschwister würden kommen, sogar die Tante, die er nur selten sah, war eingeplant. Aber das, was er gerade am Telefon verabredete, war wichtiger und er würde sicherlich eine gute Ausrede finden. Immerhin ging es um seine Zukunft. Und um seinen Penis. Und der hatte ein enorm gewichtiges Mitspracherecht.
»Samstag ist perfekt.«

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Autor

kim.f.wolf@gmail.com